Verstehen durch Einlassen - Raum geben durch offen sein

Wenn wir einen anderen Menschen verstehen wollen, dann müssen wir ihm erst einmal "Raum" geben. Mit "Raum" geben meine ich, dass wir unserem Gegenüber in einer offenen und wertschätzenden Haltung begegnen. Dieser Raum wird umso größer, je weniger Bewertungen, Interpretationen oder vorgefertigte Meinungen man in diesen Raum mit einbringt. (Ich spreche hier von der energetischen Ebene, also von Gedanken und Gefühlen). Im besten Falle entleerst Du Deinen Kopf zuvor, indem Du Dich einfach dazu entscheidest, Deine Meinungen beiseite zu legen und ganz präsent für den anderen da zu sein. Diese Haltung eröffnet einen wunderbaren Raum, der zwar neutral ist, sich aber trotzdem verbindend anfühlt. Probiere es mal aus und staune, wie nah man sich kommen kann, wenn man seine eigenen Geschichten und Ideen, welche wir oft unbewusst zwischen uns und unser Gegenüber stellen, einfach mal beiseite legt.

Spannend in diesem Zusammenhang ist, dass viele Menschen glauben, dass sie etwas Spezielles tun müssten, um in eine offene und verbindende Haltung einzutauchen. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Es ist nämlich eher so, dass man durch das Weglassen von etwas, was man meint zu tun, ganz natürlich in eine offene Haltung kommt.

Weniger ist also mehr, wenn es darum geht, einen Raum zu schaffen, in welchem man seinen Gegenüber ungetrübt wahrnehmen kann! Logisch: Je weniger Trübungen desto klarer die Sicht.

Inhalt:

Eine Frau zeigt gegenüber einer anderen eine abwehrende und keine offene Haltung

Wertschätzung

Ein weiterer Aspekt, welcher diesen offenen Raum unterstützt ist Wertschätzung. Eine wertschätzende Haltung erfüllt den nun offenen Raum mit neutraler Liebe. Ja, in meinen Forschungen haben ich entdeckt, dass Wertschätzung und neutrale Liebe das selbe sind. Mit neutraler Liebe meine ich die Liebe, die immer da ist, die nicht bewertet und alles einfach so annimmt, wie es ist.

Wertschätzung ist eine Haltung, die jemand oder etwas schätzt, aufgrund dessen, dass jemand oder etwas ist, und keine Bewertung aufgrund dessen, was oder wie jemand oder etwas ist oder macht. Wertschätzung befindet sich also jenseits von Bewertung.

Man muss einen Menschen, oder das, was er tut oder nicht tut, demnach nicht als gut empfinden, um ihm Wertschätzung entgegen bringen zu können. Auch etwas, das man persönlich ablehnt, kann man wertschätzen, einfach aufgrund dessen, das es ist. Dies gelingt übrigens am besten, wenn man mit sich selber und seinen eigenen Ansichten auch in Wertschätzung ist. Anfangen tun wir, wie immer, am besten bei der Wertschätzung gegenüber uns selbst, dann klappt es auch mit unseren Mitmenschen.

In diesem offenen und durch Wertschätzung getragenen Raum, in welchem keine trennenden Elemente vorhanden sind, können in einer Kommunikation die Worte und die mit den Worten mitgelieferten Gefühle besser transportiert und erfasst werden. Dies erleichtert das gegenseitige Verstehen ungemein. Oft entsteht dabei auch ein nonverbales Verstehen, ein unmittelbares Erfassen, weil man auf der Gefühlsebene einfach schneller erfassen kann, als auf der rein mentalen Ebene.

Ein paar Gedanken zum Thema Abgrenzen

Es ist klar, dass ein solches Einlassen auf sein Gegenüber manchmal eine ganze Portion Mut erfordert, denn es kann schon sein, dass, wenn wir uns auch gefühlsmäßig jemandem annehmen, dies uns berührt. Das kann angenehm oder weniger angenehm sein. Aber ganz egal, wie man es schlussendlich werten möchte, wird Dich eine einlassende Haltung mehr befruchten und bewegen, als dich eine abgrenzende Haltung vor irgend etwas schützen könnte.

Immer wieder hört man davon, dass man lernen muss, sich abzugrenzen, dass dies wichtig sei, damit man besser mit dem Leben umgehen kann. Ich jedoch glaube, dass das Abgrenzen so wie es die meisten Menschen verstehen und umsetzen genau das Gegenteil davon bewirkt. Denn wie grenzen sich denn die meisten Menschen ab? Meist reaktiv, mit folgenden zwei Varianten: Entweder sie ziehen sich innerlich zurück und verschließen sich oder sie werden laut und emotional und versuchen so ihre Grenzen mit psychischer und manchmal sogar physischer Gewalt durchzusetzen. Da diese Vorgehensweisen jedoch auf einem rein reaktiven Verhalten basiert, sind sie nicht nachhaltig, verbrauchen enorm viel Energie und wirken sich nicht nur begrenzend und trennend nach außen, sondern ebenfalls begrenzend und trennend nach innen aus.

Vergegenwärtige es dir, wie Du Dich in solchen Momenten fühlst, in welchen Du nur noch auf Grund von Reaktionen versuchst, Dich abzugrenzen. Ja, Du fühlst Dich getrennt. In der Trennung finden wir aber kein Verständnis weder für unser Gegenüber noch für uns selbst.

Verstehe mich aber bitte nicht falsch. Ich sage nicht, dass Du keine Grenzen setzen sollst und darfst, wenn es Dir angezeigt erscheint. Aber wirkungsvolle Grenzen kannst Du nur aus Deiner inneren Stärke heraus aus einer selbstbewussten Haltung setzen und nicht aufgrund von reaktivem Verhalten. Die reaktive Art zu Sein lässt Dich immer schön an der Oberfläche verweilen, zwar in einer scheinbar sicheren Zone, aber leider weit jenseits von echter Lebendigkeit und innerer Freiheit. Ja, es ist vielleicht laut und actionreich, aber auf Dauer wird Dich eine solche Lebenshaltung nicht erfüllen, geschweige davon Dich bereichern oder Deine Sichtweise erweitern.

Ein Stacheldraht ist als Symbol für eine Abgrenzung zu sehen

Natürliche Grenzen setzen durch authentisch sein

Was wäre die Lösung? Ehrlich und authentisch leben! Wenn Du authentisch Dich selber bist, Dich in Deinen Gefühlen, Worten und Handlungen klar und integer ausdrückst, definierst Du Dich ganz natürlich nach außen hin und brauchst Dich somit nicht mit unglaublich viel Nachdruck rigide abzugrenzen. Du schaffst somit Umrisse, die zwar weich, aber viel kraft- und machtvoller sind, als es eine auf Widerstand basierende Mauer jemals sein könnte.

Bei sich bleiben

Du siehst, je besser Du Dich selber kennst und verstehst, desto besser kannst Du Dich auch auf andere Menschen einlassen und sie verstehen. Dann, wenn Du in der Lage bist, ganz jenseits Deiner eigenen Bewertungen, Reaktionen und Interpretationen zu agieren, gelingt Dir das mit Leichtigkeit.

Es klingt vielleicht paradox, aber je mehr Du gefühlsmäßig bei Dir bleiben kannst, desto besser kannst Du auch auf andere eingehen. Kommunikation und Austausch spielen sich nämlich nur im geringen Maße auf der mentalen Ebene der Sprache ab, sondern viel mehr auf der Gefühlsebene. Je klarer Du also mit Deiner Gefühlswelt bist, desto klarer kannst Du Dich auch verständigen und Dein Gegenüber verstehen.

Nur Menschen, die sich selber gut kennen und auf sich selbst und ihre Gefühle vertrauen, sind in der Lage, Selbst-Vertrauen zu entwickeln. Nur selbstbewusste Menschen, also Menschen die sich auf sich selbst verlassen können, haben auch die Fähigkeit, ihren eigenen Standpunkt verlassen zu können. Sie haben nichts zu befürchten und sie haben keine Angst davor, sich zu verlieren, oder sich möglicherweise zu verleugnen oder so..., weil sie sich selbst schon gefunden haben. Wie? Durch eine offene und wertschätzende Haltung sich selbst gegenüber.

Der Experte dahinter
Aline Brandstetter, FreeSpirit

Brandstetter Aline

Aline Brandstetter ist seit 2006 Kursleiterin und Trainerausbilderin des FreeSpirit®-Bewusstseinstrainings, Chefredakteurin sowie Interviewerin bei Free Spirit®-TV.