Warum Fasten? Dr. Ruediger Dahlke erklärt die Alchemie des Fastens

Stell dir vor, es gibt Essen und keiner geht hin. Das mag höchstens im gesättigten Zustand erstrebenswert erscheinen. Wozu also fasten? Aus alchemistischer Perspektive sieht das schon ganz anders aus.

Eine Frau hat Freude am Fasten

Warum fasten?

Fasten ist und war schon immer mehr als nur eine Therapieform für körperliche Gebrechen. Seit ältesten Zeiten ist es unverzichtbarer Bestand aller Religionen und steht hier naturgemäß ganz im Zeichen spiritueller Entwicklung. Erst mit der Verweltlichung der Religionen geriet es, wenn nicht ganz in Vergessenheit, so doch in den Hintergrund, und wurde manchmal auch zur sinnentleerten Farce: So entstanden in sich widersprüchliche Ausdrücke wie "Fastenspeise". Die katholische Fastenzeit, die mit dem Aschermittwoch beginnt, unterscheidet sich heute wenig vom mohammedanischen Fastenmonat Ramadan. Die allermeisten Christen kümmern sich überhaupt nicht mehr darum, und die meisten Moslems umgehen die harte Forderung des Koran durch buchstabengetreue, spitzfindige Auslegung der Anweisungen. Die Menschen wurden bequemer, die Religionen passten sich dem an. Dadurch trat der geistige Weg in den Hintergrund und mit ihm das Fasten.

Heute nun - in einer Zeit, wo Schulmedizin trotz ihrer technischen Hochrüstung und ihres beachtlichen Wissensstandes zunehmend an ihre Grenzen stößt - taucht im Geleit der trotz des Sperrfeuers der Pharmakonzerne neu erblühenden Komplementär-Medizin auch das Fasten wieder verstärkt auf. Vor allem aber wird es zunehmend von der wissenschaftlichen Schulmedizin entdeckt wie ich in meinen beiden jüngsten Fasten-Büchern „Jetzt einfach Fasten“ (ZS) und "Fasten-Wandern" ausführlich darstelle. Inzwischen ist belegt, dass sich fastend das Immunsystem in einem unglaublichen Ausmaß regeneriert und tatsächlich runderneuert. Vom Fasten-Wandern erfahren wir noch erstaunlichere Möglichkeiten. Durch die Synergie dieser beiden Methoden Fasten und Wandern ergeben sich die besten mir bekannten Ergebnisse was Gesundung und Fitness angeht. 

Fasten ist tatsächlich - selbst wenn es nur funktional angewandt wird - eine ausgezeichnete Methode, um die verschiedensten Krankheitssymptome zu behandeln von Entzündungen bis hin zu Krebs, wie die neusten US-Forschungen zeigen. Das aber ist nur ein winziger Teil der Möglichkeiten, die im Fasten liegen. Seine viel faszinierenderen Aspekte beziehen sich auf den menschlichen Entwicklungsweg - jenen Weg zu einem integrierten, freien und kosmisch bewussten Wesen.

Zwei Menschen sind fasten und wandern

Das Drei-Schritte-Muster

Die Beziehung zur Alchemie liegt auf der Hand, vollzieht doch der Fastende in seinem eigenen Körper die Grundforderungen der Alchemie nach. Um etwa einen „Pflanzenstein“* herzustellen, wird der Alchemist zuerst die Pflanze in ihre Grundbestandteile Körper, Seele und Geist zerlegen. Im zweiten, schwierigeren Schritt muss er die einzelnen Fraktionen reinigen: Den Körper wird er veraschen, bis nur noch das reine, weiße Salz übrigb bleibt. Die Seele, das ätherische Öl der betreffenden Pflanze, wird er destillieren, bis es ganz rein ist, und schließlich wird er den Geist, den durch Gärung gewonnenen Alkohol, bis zur hundertprozentigen Reinheit treiben. Dann erst kann der dritte und entscheidende Schritt folgen: das Wiederzusammenfügen der gereinigten Einzelbestandteile zum Pflanzenstein, der alle Eigenschaften der Pflanze auf einer höheren Ebene vereint.

Letztlich laufen sehr viele Prozesse nach diesem archetypischen Muster, natürlich in der Alchemie auch die Herstellung des Steines der Weisen. Aber auch Krankheitsprozesse:

  • Erste Phase - Entscheidung: Zuerst fällt der Körper regelrecht mit dem Ausbruch der Beschwerden auseinander. Er verweigert den Dienst und widmet sich ganz dem Symptom und seinen Forderungen.
  • In der zweiten Phase kommen auch hier Reinigungsprozesse zum Zug, was wir oft an den Ausscheidungen merken.
  • Dritte Phase: Schließlich bringt die dritte Phase die Wiederherstellung, im Idealfall die "restitutio ad integrum" (die Wiederherstellung des Ganzen). Der Körper ist wieder gesund und doch nicht derselbe. Er hat einen Lernprozeß durchlebt und ist auf einer höheren Ebene wohl noch nicht ganz "heil" geworden, aber doch dem Heil näher gerückt.

Auch alle Therapien, die diesen Namen verdienen, vollziehen dieses drei Schritte-Muster nach: Jede Massage zerlegt den Körper zuerst, macht das Körpergefühl gleichsam unrund, um als nächstes im Gewebe Reinigungsprozesse zu bewirken und schließlich alles neu zusammenzufügen zu jenem runden Gefühl von Ganzheit, das gute Massagen zu Kunstwerken macht.

Aber auch jeder Chirurg geht diesen Weg: zerlegen (oder aufschneiden), dann reinigen (reparieren) und schließlich wieder zusammenfügen (nähen). Solve et coagula - löse und binde. Natürlich folgt auch jede Psychotherapie, die diesen Namen verdient, diesem Muster, rührt sie doch im ersten Schritt sehr viel im Patienten auf. Sie mobilisiert seinen Schatten, um dann im zweiten Schritt mit den aufgewühlten Energien zu arbeiten, sie zu klären und zu reinigen und schließlich die durchlichteten Persönlichkeitsanteile dem Bewusstsein anzugliedern und ein neues, reineres und weiteres Bewusstsein zu schaffen. Das ist jedenfalls das Ziel der Schattentherapie wie sie im Heilkunde-Zentrum in Johanniskirchen durchgeführt wird.

Bei all diesen Parallelen mag doch ein kleiner, aber entscheidender Unterschied aufgefallen sein: Während der alchemistische Weg, ein natürlicher Krankheitsprozess, eine gute Massage oder Psychotherapie zu einem neuen Ganzen führen - auf einer höheren Ebene größerer Möglichkeiten, der Ordnung und Bewusstheit -, erhöht die chirurgische Operation die Ebene nicht.

Auch eine Autoreparatur sollte ja dem Dreier-Schritt von Zerlegen, Reparieren und wieder Zusammenfügen folgen, auch sie allerdings nur mit dem Ziel, denselben Zustand wie vor der Panne oder einen nur wenig schlechteren herzustellen.

Verweigerung

Nach dieser Vorarbeit lässt sich nachvollziehen, wie sehr Fasten dem aus der alchemistischen Tradition bekannten Muster auf allen Ebenen entspricht.

Während der ersten Lösungsphase macht der Körper - allerdings meist nur bei sehr unbewusst Fastenden - tatsächlich den Eindruck, als wolle er zerfallen: Deren Magen mag sich vor Hunger beschweren, der Kreislauf scheint aufgeben zu wollen, die Beine den Dienst vor Schwäche zu verweigern: Der Körper droht mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln des Protestes, wie oft auch Übelkeit. Die Seele steht ihm darin oft wenig nach. Alle möglichen Emotionen kommen hoch, und schwankende Stimmungen machen sich breit. Kurz: Es brodelt und kocht in den Tiefen der Seele. In dieser Situation ist oft auch der Geist umnebelt und zeichnet sich durch Fehlleistungen verschiedenster Art aus - von Vergesslichkeit bis Konzentrationsschwäche. Dieser "Spuk" dauert allerdings maximal drei Tage. Heute mit den grünen Smoothies, mit „Take me - Glücksnahrung“ und der chinesischen Pflaumen-Kur erleben wir das bei unseren Seminaren im südsteirischen Fasten-Zentrum TamanGa fast gar nicht mehr und beim regelmäßigen Online-Fasten in der Karwoche und im Herbst kaum noch.

Nach drei Tagen hatte auch früher Körper und Bewusstsein die Zeichen der (neuen) Zeit erkannt und auf Eigenversorgung umgestellt. Tatsächlich hängt das Ausmaß der Beschwerden und Hilfeschreie des Körpers ganz entscheidend vom Bewusstsein des Fastenden ab. Ist dieser ganz entschieden und hat kein Hintertürchen offen gelassen (zum Beispiel für den "Notfall" gebunkerte Schokolade oder Erdnüsse oder was auch immer), wird die Phase der Lösung auf allen drei Ebenen wesentlich kürzer und leichter verlaufen.

Gläser mit grünen Smoothies stehen auf einem Tisch

Erste Phase: Entscheidung

Der Körper ist sehr intelligent und quält sich nie sinnlos und ohne Hoffnung auf Erfolg. Ist die Entscheidung klar, wird diese erste Phase schnell und mit Erfolg durchlaufen, und ein wichtiger Schritt auf dem spirituellen Weg ist gemacht: Der Körper hat gelernt, das Bewusstsein als höhere Instanz anzuerkennen. Das ist jener Schritt, den die vierte Tarotkarte darstellt: der auf dem Würfel sitzende Kaiser. Er beherrscht und besitzt die im Würfel symbolisierte Materie und damit den eigenen Körper, wie eben auch der Fastende, der den ersten Schritt erfolgreich getan hat.

Zweite Phase: Reinigung des Organismus

Die nächste Phase gehört den Reinigungsprozessen. Keine therapeutische Maßnahme, weder der Natur- noch der Schulmedizin, ist in dieser Hinsicht wirksamer. Der Vorratsspeicher des Körpers, sein Binde- und Fettgewebe ist in unserer Zeit nicht selten zur Müllkippe verkommen und wird nun Schicht für Schicht gesäubert. Wir können es uns wie bei einem Speicher vorstellen: Was zuletzt eingelagert wurde, kommt zuerst zum Vorschein und so arbeitet sich der Körper mit zunehmender Fastenzeit zu immer tieferen Ablagerungsschichten vor, bis schließlich Dinge aus der Kindheit - oder aus noch tieferen Ebenen - zum Vorschein kommen. Oft lassen sich solche Dinge noch identifizieren, wenn sie im Körper verbrannt oder verdaut werden. Alte, längst vergessene Krankheitsbereiche werden dann für einen Moment wieder bewusst, während sie in Ordnung gebracht werden.

Wenn man solche Vorgänge oft beobachtet hat, versteht man, warum der große Arzt und Alchemist Paracelsus den Ausdruck "Innerer Arzt" prägte. Es gibt diese innere Instanz, die mit unglaublicher Präzision genau die richtigen Dinge zur richtigen Zeit in Angriff nimmt, wenn man ihr Raum und Zeit gibt. Fasten ist eben solch ein Zeit-Raum. Auch der einfühlsamste und geschickteste „äußere Arzt kommt nicht an unseren inneren heran. Dieser bedient sich aus einer unübertroffenen Apotheke: unserem Bindegewebe, das all die Stoffe enthält, unter denen wir je gelitten haben und mit denen wir nicht ganz fertig wurden. Der innere Arzt löst sie nun wieder aus ihrem Fach im Bindegewebe und bringt sie ins Blut, so dass sie neuerlich verarbeitet und ausgeschieden werden können.

In der Iris des Auges, dem einzigen Ort des Körpers, der einen direkten Einblick in das Bindegewebe gestattet, können wir diesen Zustand verfolgen. Bei längeren Fastenkuren lösen sich die hier abgelagerten Pigmente nach und nach, und die Iris wird klarer.

Reinigung der Seele

Der tiefgehenden Reinigung des Körpers entspricht eine ebensolche der Seele. Mit den Knoten, die sich im Körper lösen, gehen synchron auch solche in der Seele auf. Körper und Seele entsprechen sich so vollkommen, dass materielle Umorientierungen im Körper immer mit denen der Seele einhergehen. So ist es nicht verwunderlich, wenn alte Gefühlsknoten platzen und dabei natürlich bewusst werden; wenn Träume längst bewältigt geglaubte Themen wieder aufnehmen und bearbeiten; sich schon fast vergessene Stimmungen melden. Auch die Psyche nutzt diesen Zeit-Raum, um Altes loszuwerden und Klarheit zu schaffen. Eine Zeit bewussten Fastens ist so immer auch Psychotherapie.

Eine Frau lehnt mit einer Tasse an einer Wand und fragt sich wozu fasten

Klärung des Geistes

Auf der geistigen Ebene geschieht parallel Ähnliches. Meist merken wir es allerdings erst nach dem Fasten, wenn unser Bewusstsein weiter und offener geworden und Raum für Neues entstanden ist.

In der zweiten Reinigungphase spüren wir auch sehr deutlich den Einfluss des Lebensprinzips der Reduktion aufs Wesentliche, auch "Saturnprinzip" genannt, das und wie kein anderes über der Fastenzeit steht. Wie jedes der Urprinzipien verlangt auch Saturn von Zeit zu Zeit Beachtung und Opfer. Ansonsten erzwingt er mit äußerster Härte und Strenge, was ihm nicht freiwillig dargebracht wird. Seine Druckmittel reichen von Einschränkungen durch Krankheit, Einsamkeit, Verlust oder Isolierung bis zum Tod, den er als Sensenmann auch repräsentiert. Im Fasten dienen wir ihm dagegen freiwillig, folgen seinen Prinzipien der Einfachheit und Strenge, schränken uns aus freien Stücken ein und sind ganz von selbst mehr nach innen gekehrt als auf Außenkontakt aus. Auch unser Körper folgt diesen Kriterien jetzt bereitwillig. Er scheidet alles Überflüssige aus und wird von Tag zu Tag mehr auf seine wesentlichen Strukturen reduziert. In Körper, Seele und Geist bröckelt Überlebtes, und Wesentliches tritt gereinigt und geklärt deutlicher hervor. So begegnet uns Saturn auf diesem Weg als Hüter der Schwelle, der nur diejenigen passieren lässt, die alles Unwichtige zurückgelassen haben und geläutert auf allen drei Ebenen die nächsten Schritte tun wollen.

Wie der Körper der Pflanze im alchemistischen Prozess, wenn er durch immer weiteres Verbrennen in das reine weiße Salz überführt wird, wird in unserem Körper jetzt alles verbrannt, was nicht wirklich zu ihm gehört. Wie die Seele der Pflanze - ihr ätherisches Öl - bis zur völligen Reinheit getrieben werden kann, wird die menschliche Seele im Fasten dazu gebracht, Verunreinigungen loszulassen und sich auf ihr eigenes Wesen und Ziel zu besinnen.

Ähnlich schwer wie die vollkommene Konzentration des Pflanzengeistes im Alkohol, ist die vollkommene Konzentration des menschlichen Geistes bis zu einer Erfahrung reinen Seins. Das Fasten ist ein wichtiges Hilfsmittel auf dem Weg zu dieser Erfahrung, was wohl der Hauptgrund war, dass keine der großen Religionen in ihrer lebendigen Anfangszeit darauf verzichten wollte.

Dritte Phase: Integration

Die dritte Phase des Prozesses bringt schließlich die Integration des Ganzen. Ihr entspricht beim Fasten die Aufbauzeit, wenn der Übergang vom bewussten Fasten zum bewussten Essen und Leben zu bewältigen ist. Wie im alchemistischen Prozeá ist es auch beim Fasten der schwierigste, jedoch wegweisende Schritt: Jetzt werden die Weichen gestellt, und jetzt entscheidet sich, ob neben den Kleidern auch das Bewusstsein weiter geworden ist. Im Idealfall, wenn das Fasten innerlich im Sinne eines Rituals nachvollzogen wurde, wird sich eine ganz neue Situation auf einer spürbar höheren Ebene ergeben. Ein gereinigter, zunehmend anpassungsfähiger Körper wird zur idealen Wohnung für eine bewusstere und lernfähigere Seele und einen freieren und klareren, ja geläuterten Geist. Nun wird uns bewusst, daß das Ganze weit mehr ist als die Summe seiner Teile.

Der Stein der Weisen

So können wir Fasten mit Fug und Recht als einen alchemistischen Prozess bezeichnen, der in uns selbst abläuft. Wir verwirklichen den Stein der Weisen in uns selbst. Hier sind wir auch wieder bei unserem Ausgangspunkt, dem Fasten in den Religionen: Den Religionsstiftern ging es offenbar um dieses "Solve et coagula". Auch die Volksweisheit "Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen" bringt uns auf diese Spur. Fasten löst diese enge Verbindung von Körper und Seele ein wenig, um sie in der dritten, der Aufbauphase, auf einer neuen Ebene wieder zu vereinigen. So wird uns sehr bewusst, dass wir mehr sind als Materie und Körper, und darum ging es wohl vor allem den Religionsstiftern, und darum geht es auch heute noch, auf dem Weg zu sich Selbst.

Dieses Jahr ist für mich das des Fastens und der Ekstase (verbundener Atem zwei Wochen im Mai, eine in Wien, eine in Berlin): Unser Kurs in TamanGa „Körper – Tempel der Seele“ ist schon länger ausgebucht, in Fasten – Schweigen – Meditieren gibt es noch vier Plätze, wie auch einige in den Sommer-Fasten und –Detox-Wochen. 

Heute bietet uns aber auch die Verbindung von uralter Alchemie und moderner Technik über Online-Fasten die leichtesten Einstiege. Unser Online-Fasten in der Karwoche und im Herbst ist schon Tradition. In diesem Jahr kommt der Omega-Event Fasten & Feiern hinzu.

Wichtiger Hinweis: Dieser Beitrag enthält nur allgemeine Hinweise und dient ausschließlich zu allgemeinen Informationszwecken. Die Informationen stellen keine konkrete Empfehlung dar und dienen keinesfalls als Grundlage für eine Selbstdiagnose! Jedenfalls ist der Rat eines fachkundigen Arztes einzuholen.

Der Experte dahinter
Dr. Ruediger Dahlke, Spezialist und Mediziner

Dahlke Ruediger, Dr. med.

Der Mediziner und Psychotherapeut Dr. med. Ruediger Dahlke gilt als anerkannter Spezialist und ganzheitlicher Mediziner und denkt und arbeitet über die Grenzen der klassischen Medizin hinweg.