Kann eine offene Beziehung funktionieren? Eine Gratwanderung zwischen Liebe und Vertrauen

Beziehungen sind so unterschiedlich wie die Menschen, die sie leben. Trotzdem gibt es Regeln in unserer Gesellschaft, denen wir fast allen folgen. Das offizielle Ideal einer Partnerschaft ist üblicherweise eine monogame Beziehung, in der beide Beteiligten nur mit dem Partner Sex haben. In der Praxis läuft das aber meist anders ab. Rund ein Drittel aller Menschen in einer Beziehung gehen mehr oder weniger regelmäßig fremd. Ob die Monogamie ein Ablaufdatum hat und ob eine offene Beziehung eine Alternative sein kann, erfährst du in diesem Artikel.

Mann gebärdet einer lächelnden Frau Liebe

Alternativen zu Monogamie: Was steckt hinter einer offenen Beziehung?

In unserer modernen westlichen Gesellschaft haben Frauen und Männer dieselben Rechte und müssen auch nicht mehr heiraten, um einander lieben zu dürfen. In der Praxis haben Ehepaare mehr Rechte, Erleichterungen bei der Steuer und auch zahlreiche andere Vorteile. Vor allem dann, wenn gemeinsame Kinder vorhanden sind.

Was oft mit sehr viel Romantik und großen Gefühlen verkauft wird, hat oft einfach nur pragmatische Logistik als Basis. Wenn zwei Menschen sich lieben und das auch nach außen kommunizieren, bringt das nicht zuletzt Ordnung in die Verhältnisse. Verwandte und Freunde wissen über den Beziehungsstatus Bescheid. Beide Partner folgen den Regeln, die gemäß moralischem und soziokulturellen Narrativ für eine monogame Beziehung gelten.

Erfahrung und Studien sprechen aber eine andere Sprache. Eine Studie hat 2020 ergeben, dass über ein Drittel aller Frauen und etwa 28 Prozent aller Männer in einer festen Beziehung fremdgehen. Eine andere Studie besagt, dass rund sieben Prozent aller Paare in einer offenen Beziehung leben. Das bedeutet, dass es für ihren Partner in Ordnung ist, Sex mit anderen Menschen zu haben, solange nicht mehr Gefühle im Spiel sind. Untreue ist kein Trennungsgrund für diese Paare. Eine dritte Möglichkeit, eine Partnerschaft zu führen, ist die Polyamorie

Ehrlichkeit bis zum Schluss: Was ist Polyamorie?

Eine polyamore Beziehung erlaubt es deinem Partner, sich mit anderen Menschen zu treffen, mit ihnen Sex zu haben und sich auch in diese zu verlieben, wenn es denn passiert. Wichtig ist dabei nur absolute Ehrlichkeit allen Beteiligten gegenüber. Polyamore Beziehungen können fluide sein oder es kann auch einen Hauptpartner geben, zu dem immer wieder zurückgekehrt wird.

Der Unterschied zu einer offenen Beziehung oder einfach heimlichen Seitensprüngen sind Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Eifersucht wird nicht verdrängt, sondern die Partner setzen sich offen mit diesem Gefühl auseinander. Alles, was in fremden Betten passiert, muss also erzählt werden.

Das Modell, das sich in den 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts etabliert hat, wirft aber etliche Fragen auf. Hilft es der Beziehung zu meinem Partner tatsächlich, wenn ich alles erzähle oder ist es besser, in bestimmten Situationen Wert auf Privatsphäre zu legen? Die Basis einer Liebesbeziehung ist immer Vertrauen.

zwei Frauen und ein Mann auf einer Parkbank.
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Ohne Netz und doppelten Boden: Was bedeutet Vertrauen in einer Beziehung?

Eine Partnerschaft oder Liebesbeziehung hat keine Backups, keine Sicherheiten in der Hinterhand. Es geht um den Moment. Auch noch so treuen, loyalen oder aufrichtigen Partnern kann die Liebe im Laufe der Zeit abhandenkommen.

Vertrauen bedeutet

  • dass ein Mensch das bewusste Risiko in Kauf nimmt, verletzt, ausgenutzt oder verlacht zu werden.
  • dass wir uns nicht nur körperlich nackt vor unserem Partner zeigen. Wir verraten ihm auch unsere innersten Wünsche und Ängste.
  • dass wir darauf vertrauen, dass diese verletzlichen Momente nicht gegen uns verwendet werden.
  • Trotzdem bleibt die Möglichkeit einer Trennung, dem Verschwinden der Gefühle oder eben einer Verletzung immer bestehen.

Die Frage, die bleibt, ist aber jene, ob es Ehrlichkeit braucht, um dieses Vertrauen in den Partner zu festigen. Prinzipiell ist das eine Angelegenheit, die sich in jeder Partnerschaft nur individuell lösen lässt. Findet man zu zweit keine Lösung, kann es ratsam sein, hier einen Berater wie Klaus Peill zurate zu ziehen, um sich über die Frage klar zu werden. Klaus Peill ist systemischer Einzel-, Paar- und Familienberater. Ob ein Paar eine Beziehung offen oder lieber monogam führen möchte, kann nur individuell entschieden werden. Beide müssen mit der Entscheidung gleich gut klarkommen können. Es kann aber helfen, mit einer dritten Person darüber zu sprechen, was beide Partner von ihrer Beziehung überhaupt möchten.

Zwei Händepaare greifen einander, darin liegt ein Herz

Wie kann eine offene Beziehung im Alltag funktionieren?

Eine offene Beziehung oder eine Polyamorie-Variante ermöglicht auch Personen in einer glücklichen Beziehung, aus ihrem Alltag zu fliehen, und sich ein kleines Stück ihrer Fantasie und Träume hinzugeben, ohne, dass sie dabei auf die Sicherheit eines Lebenspartners verzichten müssen. Allerdings gibt es da einige Steine im Weg.

Möchtest du eine offene Beziehung leben, musst du, egal wie du es mit deinem Partner ausverhandelst, dazu bereit sein, deinem Liebsten ein Stück Privatsphäre zu gönnen. Ein Partner ist kein Besitz. Menschen entscheiden sich freiwillig für Liebe und Loyalität.

Warum die Wahrheit nicht immer die beste Lösung ist

Nicht immer hilft unreflektierte Ehrlichkeit dabei, eine gute Beziehung zu führen. Es kann oft besser sein, zu schweigen und den Partner nicht mit den eigenen Erlebnissen und Erfahrungen sexueller Art zu überfordern. Stelle dir einfach vor, deine Freunde, deine Eltern oder Kinder würden dir immer alles haarklein und genau erzählen. Das ist eine unerträgliche Vorstellung.

Andererseits wird in einer Partnerschaft absolute Ehrlichkeit als Beweis gesehen. Das muss es nicht sein. Es ist viel wichtiger, auf die Gefühle des anderen aufrichtig Rücksicht zu nehmen. Dafür muss man nicht lügen, aber man kann gelegentlich gekonnt schweigen. Privatsphäre und Geheimniskrämerei sind verschiedene Dinge.

Ein Tipp: Wenn du dir unbedingt etwas von der Seele reden möchtest, suche dir eine vertrauensvolle, verschwiegene Freundin oder einen Freund!

Ein Mann tröstet eine Frau.

Welche Regeln ermöglichen eine offene Beziehung?

Wenn du dich in jemand anders verliebst, aber auf keinen Fall dafür deine Beziehung aufs Spiel setzen möchtest, helfen dir dabei folgende Regeln oder Tipps:

  • Respektiere die Liebe in all ihren Spielarten! Du musst Liebe und Sex nicht unbedingt trennen, du bist als Mensch ebenso eine Einheit. Es geht meist nur darum, mit wem du deinen Alltag verbringen möchtest. 
  • Ein Seitensprung geht immer nur jene Personen etwas an, die dabei beteiligt sind. Polyamorie oder ein One-Night-Stand darf nie ein Grund zum Angeben sein. 
  • Sei auch in der Liebe diszipliniert! Nicht exklusive Paare sollten immer Safer Sex betreiben. Von Sex in der gemeinsamen Wohnung ist eher abzuraten.
  • Es kann auch bestimmte Menschen geben, die sich nicht für eine Affäre auch in einer offenen Beziehung eignen. Dazu können gemeinsame Freunde, Expartner oder Familienangehörige gehören. 
  • Ein Partner ist kein Besitz. Gestehe deinem Partner Freiraum zu und kontrolliere nicht alles! Private Mails oder das Handy deines Partners müssen immer tabu sein. Egal, ob offene Beziehung oder nicht. 
  • Leidest du unter Eifersucht, überlege, woher sie kommen könnte? Mehrheitlich fußt das unangenehme Gefühl in Selbstzweifeln, einem geringen Selbstvertrauen oder in der Angst, den Partner zu verlieren. Auch der Missbrauch von Alkohol oder Drogen kann Eifersucht hervorrufen oder verstärken. 

Prinzipiell ist Eifersucht (auch in sehr monogamen Beziehungen) ein hässliches, gefährliches Gefühl. Niemand findet ein eifersüchtiges Kind, eifersüchtige platonische Freunde oder auch nur einen eifersüchtigen Hund charmant. In Filmen oder Büchern wird dieses Gefühl aber als »Salz in der Suppe« hochstilisiert. Das ist es nicht. Es ist oft der Grund für häusliche Gewalt oder andere schlimme Dinge. Es ist aber auch keine Lösung, das Problem zu ignorieren. Wenn du mit deiner oder mit der Eifersucht deines Partners nicht zurechtkommst, hole dir professionelle Hilfe oder Begleitung.

Loyalität und Treue: Die sozialen Unterschiede zwischen Mann und Frau

Von Frauen wird oft in der Gesellschaft erwartet, dass sie im Laufe ihres Lebens eine feste Beziehung eingehen. Eine Solofrau ist eher verdächtig, sie ist nicht die Norm. Bei Männern wird das Junggesellendasein als etwas Aufregendes gesehen. Männern wird unterstellt, dass sie zwar Sex möchten, aber sich unter Kompromissen auf eine Beziehung einlassen. Ein Resultat aus dieser Einstellung ist unweigerlich, dass Frauen eine Beziehung viel ernster nehmen als Männer und auch gerne andere Bedürfnisse der Selbstverwirklichung dafür hintenanstellen. Männer schaffen es eher, ihre Beziehung nicht über Karriere, Freundschaften oder Hobbys zu stellen.

Dazu kommt, dass die Erziehung und Pflege von Kindern selbst in den progressivsten Partnerschaften immer noch zum Großteil von Frauen erledigt wird. Das sind schwierige Ausgangspositionen für das Verhandeln einer Beziehung. Allerdings kann es helfen, sich über dieses nicht hausgemachte Problem im Klaren zu werden, wenn es um die Beziehung geht. 

Jede Beziehung ist anders. Jedes (sexuelle) Profil ist individuell. Der Anteil der gemeinsamen Ansichten, Phantasien und Wünsche ist in jeder Partnerschaft unterschiedlich groß. Worüber die Partner reden und woran sie einander teilhaben lassen, wird oft als „Komfortzone“ bezeichnet. Viel interessanter und spannender sind jedoch die nicht-kommunizierten Anteile. Sie sind in vielen Fällen der Grund für Stagnation in einer Paarbeziehung und gleichzeitig das Potential, frischen Wind in eine Beziehung zu bringen. Eine Paarberatung kann hier hilfreiche Impulse geben.

Der Experte dahinter
Tantriker Klaus Peill

Peill Klaus

„Meine Einzigartigkeit ist die Vielseitigkeit!“ lautet die Lebensphilosophie von Klaus Gabriel Peill, der sich auf Tantra und Familienstellen spezialisiert hat.