Fremdgehen verzeihen – Pflicht oder Kür?

Wenn der Partner fremd geht, ist das für viele Menschen eine kleine Katastrophe. Nicht umsonst ist der häufigste Grund für Scheidungen Untreue. Liebe ist aber mehr als nur sexuelle Treue. Auch wenn Dein Vertrauen gebrochen wurde, muss ein Seitensprung kein Grund für das Aus einer Beziehung sein. Gesellschaftliche Normen, Erziehung und falsche Vorbilder setzen uns oft mehr unter Druck, als uns bewusst sind. Wie Du mit dem Seitensprung Deines Partners umgehst, ist Deine ganz persönliche Entscheidung. Vielleicht kannst du ja das Fremdgehen verzeihen.

Frau nachdenklich, Mann im Hintergrund

Warum Fremdgehen verzeihen? Eine Feuerprobe in der Liebe

Eines der beliebtesten Themen in Literatur und Film ist sicher sexuelle Untreue. Dass es sich dabei um ein moralisches Vergehen handelt, darüber sind sich Religionen und säkulare Moralvorstellungen einig. Aber da es sich um einen Fehltritt handelt, der immerhin einvernehmliche Liebe zum Gegenstand hat, ist viel Stoff für Geschichten und Dramen vorhanden. Die einen sprechen von einem Kavaliersdelikt, die anderen von einem unverzeihlichen Fehltritt. Die Gründe fürs Fremdgehen sind aber so unterschiedlich wie die Menschen auch. Wenn Du Dich fragst, ob Du Deinem Partner einen Seitensprung verzeihen sollst, lohnt es sich auf alle Fälle, die ganze Beziehung zu durchleuchten. Fremdgehen kann ein Symptom dafür sein, dass etwas nicht ganz so ideal läuft, muss es aber nicht. Auch Menschen in sehr erfüllten, glücklichen Beziehungen sind manchmal untreu.

Liebespaar am Boden.

Kann meine Liebe nach Fremdgehen neues Vertrauen aufbauen?

Der deutsche Paartherapeut Roland Weber hat hat die verschiedenen Veränderungsprozesse einer Partnerschaft in fünf Beziehungsphasen unterteilt. Nach seiner Meinung durchlaufen alle Partnerschaften diese unterschiedlichen Stadien der Liebe.

  1. Phase: Schmetterlinge im Bauch. Ein Mix aus Hormonen bewirkt das Gefühl großer Verliebtheit. Man liebt den Partner blind und findet alles an ihm toll. Unstimmigkeiten werden zwar wahrgenommen, aber vorerst ignoriert. Die Zeit kann wie ein Rausch sein und drei bis 18 Monate dauern. In dieser Phase sind die wenigsten Menschen untreu.
  2. Phase: Ernüchterung. In dieser Zeit nehmen wir unseren Partner genauer unter die Lupe und entdecken immer mehr Eigenschaften, die uns nicht gefallen. Wir sehen viel Verbindendes aber auch viel Trennendes. Konflikte tauchen auf. Jetzt kommt es darauf an, wie ein Paar damit umgeht. Ob Paare nach dieser Zeit zusammen bleiben, hängt davon ab, ob sie konstruktive Kompromisse eingehen können oder nicht. Das geht eben nicht mit jedem.
  3. Phase: Grenzen ziehen. In der dritten Phase werden Grenzen und Gegensätze klar definiert und viel gestritten. Viele Paare spielen sich mit Trennungsgedanken. Tun sie das nicht, kann das eine Chance für echte Akzeptanz und Toleranz sein.
  4. Phase: Ich, Du, Wir. In dieser Beziehungsphase sehen sich die Liebenden zwar als Paar, aber trotzdem auch als eigene Persönlichkeiten. Hier kann neues Interesse für den Partner aufflackern, da man eine neue Entwicklungen feststellt, die durch die Liebe ermöglicht wurden. Man versucht jetzt ein Gleichgewicht zwischen dem „Ich“, „Du“ und „Wir“ zu finden.
  5. Phase: Ankommen. Eine Beziehung ist kein Wettlauf, aber trotzdem beschreiben viele Paare diese Zeit als ein Ankommen. In dieser Phase hat die Liebe bereits viele Höhen und Tiefen durchlebt. Durch gemeinsame Erlebnisse ist sie inniger und stärker geworden. Beide wissen um die Stärken und Schwächen ihres Partners Bescheid und auch wie sie damit umgehen wollen.

Wenn Du Dich fragst, ob Du Deine Beziehung wegen einem Seitensprung beenden sollst, kann es helfen auch darüber nachzudenken, in welcher Beziehungsphase Ihr Euch befindet. Manchmal braucht eine Liebe Jahre und Herausforderungen, um zu wachsen. 

Paar sitzt einander gegenüber und diskutiert.

Faszination Fremdgehen – Warum sind Menschen untreu?

Menschen gehen den unterschiedlichsten Gründen fremd. Nicht in allen Fällen hat es mit dem Partner zu tun. Die Lust am Erobern oder am Nervenkitzel, Trotz, die Suche nach Selbstbestätigung, mangelnde Selbstkontrolle, ein schlechter Charakter, eine unwiderstehliche Situation oder auch echte Verliebtheit können die Gründe dafür sein. Wirst du betrogen, solltest Du aber nicht die Schuld dafür bei Dir alleine suchen. Jeder erwachsene Mensch ist für seine Handlungen alleine verantwortlich. Auch wenn Du selbst jemand betrogen hast, ist das noch lange kein Grund dafür, dass der andere es Dir mit gleicher Münze heimzahlt.

Worüber Du Dir jedoch Gedanken machen solltest und was Dir bei der Einordnung Deiner Gefühle helfen kann, ist der Grund für das Auffliegen des Seitensprungs. Ist es Deinem Partner völlig egal, bemüht er sich nicht, seine Untreue zu verbergen und agiert er achtlos und unsensibel oder gibt gar mit seinen Abenteuern vor gemeinsamen Bekannten an, ist das eine zusätzliche Verletzung. Spionierst Du jemandem hinterher, ist das kein feiner Zug von Dir und hilft Dir keineswegs weiter. Zu einer gesunden Beziehung gehört dazu, dass die Privatsphäre des Partners nicht verletzt wird. Egal ob mit oder ohne Grund. Telefon, Mails und Briefe sind und bleiben tabu.

Küssendes Paar.

Stört uns Untreue? Andere Länder, andere Un(sitten)

Große Unterschiede gibt es beim Umgang mit dem Thema Seitensprung in verschiedenen Ländern. Die Autorin Pamela Druckermann hat in ihrem Buch „Fremdgehen: Die Regeln des Seitensprungs in aller Welt" Untreue in unterschiedlichen Kulturen untersucht. In Frankreich und Russland ist eine Affäre keine große Tragödie.

  1. Russische Paartherapeuten empfehlen ihren Klienten sogar manchmal ein außereheliches Abenteuer, um erloschenes Liebesfeuer wieder zu entfachen.
  2. Der französische Präsident Mitterand lebte ganz normal mit seiner Zweitfamilie, von der die ganze Nation wusste.
  3. Anders in Amerika, wo ein Seitensprung zu seelischen Qualen, Terror und völliger Kontrolle des schuldigen Partners führen kann. Eine Haltung, die auch durch Hollywoodfilme vermittelt wird.

Laut einer Umfrage unter den Usern eines Dating-Portals hatten

  • 12 Prozent der Männer und     
  •  acht Prozent der Frauen     

mindestens einmal Sex mit anderen Menschen als ihrem Partner. Die „General Social Survey", der University of Chicago ergab sogar, dass 20 Prozent aller befragten verheirateten Männer und 13 Prozent aller verheirateten Frauen fremdgegangen sind. Dazu kommt allerdings, dass Männer gerne mit ihrer sexuellen Aktivität angeben und Frauen auf diesem Gebiet diskreter sind. Männer schummeln gerne dazu und Frauen sind oft vergesslich. Sexuelle Untreue ist vielleicht nicht unbedingt biologisch begründet, auch wenn das gerne behauptet wird. Es ist eher eine soziologische Angelegenheit. In Zeiten vor dem Vaterschaftstest war es fast unmöglich, den biologischen Vater eines Kindes zu bestimmen, weswegen Untreue bei Frauen viel schlimmer als bei Männern bewertet wurde.

Ehrlich die eigenen Gefühle klären

Das hilft natürlich wenig bei einer Verletzung durch einen untreuen Partner. Eine andere Perspektive kann aber dabei helfen, die eigenen Emotionen zu verstehen. Bin ich wütend, verletzt, enttäuscht oder verzweifelt, weil mich mein Partner:

  • belogen hat,
  • vor anderen Menschen bloß gestellt hat,
  • respektlos behandelt hat,
  • weil ich das Gefühl nicht ertrage, dass er/sie mit einer anderen Frau, einem anderen Mann Sex hatte,
  • weil ich Angst davor habe, ihn zu verlieren?

In einer Beziehung sind wir immer mit Verletzungen konfrontiert. Das kann ein Seitensprung sein, aber auch andere Illoyalitäten, Demütigungen, Lügen oder Zurückweisungen können weh tun. Eine Kränkung, egal welcher Art, verletzt Menschen in ihrer Selbstachtung und ihrem Gerechtigkeitsgefühl. Deswegen hast jeder betrogenen Partner das Recht, beleidigt zu sein. Eine Entschuldigung vom fremdgehenden Partner bedeutet, dass der andere diese Kränkung ernst nimmt und dazu steht.

Eine echte Entschuldigung hat aber nichts mit einer Beichte zu tun. Ein ausführliches Geständnis erleichtert viel mehr das schlechte Gewissen des untreuen Partners. Dadurch kann er oder sie sich sehr leicht in eine Opferrolle bugsieren und den Spieß umdrehen. Erwachsene, reife Menschen stehen zu ihren Taten und wissen, wann sie besser den Mund halten sollten. Oft ist es gar nicht die sexuelle Untreue selbst, die für Wut und Kummer in einer Beziehung sorgt. Ob Du Deinem Partner einen Ausrutscher oder eine längere Affäre verzeihen kannst, hängt sehr viel von seinem Verhalten danach ab.

paar im Bett, mann schläft, Frau denkt nach.

Fremdgehen verzeihen – wie kann das gehen?

Es bleibt Deine eigene Entscheidung, ob Du jemandem eine Kränkung verzeihst oder nicht. Das hat auch nichts mit Deinem Entschluss zu tun, ob Du mit Deinem Partner zusammenbleibst oder nicht. Verzeihen hat den pragmatischen Vorteil, dass Du danach Platz und Zeit für andere, angenehmere Gedanken als für Wut und Zorn hast. Unverdaute Konflikte können über Jahre hinweg ein Gedankenkarussell auslösen, das zwar seine Reize hat, aber Dich auf Dauer nur unnötig in der Vergangenheit fixiert. Verzeihen braucht Zeit aber auch Bereitschaft.

Dabei hilft Dir:

  1. Gefühle zulassen. Analysiere Deine Gefühle genau, aber lasse sie am Anfang zu! Sei ehrlich dabei! Freunde oder ein neutraler Therapeut können Dir Verständnis dafür entgegenbringen. Es hilft, über seine Gefühle und Verletzungen zu sprechen, solange jemand Dir das Gefühl vermittelt, Dich zu verstehen. Wenn Du Dich ungerecht behandelt fühlst, ist das das Wichtigste. Versuche dabei aber nicht, andere Menschen auf Deine Seite zu ziehen – Allianzen verstärken nur die Wut! Gib Dir den Raum für Deine Emotionen, den Du brauchst, ohne vorerst schnelle Entscheidungen zu treffen. Dafür ist später immer noch Zeit.
  2. Die „positive Absicht" hinter dem Handeln Deines Partners zu verstehen. Das heißt nicht, dass ein Seitensprung etwas Positives ist oder dass Du eine Entschuldigung für ein schlechtes Benehmen finden solltest. Auf keinen Fall solltest Du die Schuld bei Dir suchen. Aber es kann Dir helfen, die Handlung, das Warum, zu verstehen. Und es kann die Tat von Dir weg lotsen. Nicht alles im Leben, dreht sich um einen selbst. Die Psychologin Psychologin Dorothee Döring formuliert es so: "Verzeihen heißt nicht, unrechtes Verhalten zu entschuldigen oder gutzuheißen. Es bedeutet, emotionalen Abstand zu gewinnen."
  3. Mut zum Verzeihen haben. Entscheide erst nach einer Weile, ob Du Deinem Liebsten verzeihst oder nicht. Man kann nicht alles verzeihen. Muss man auch nicht. Werde Dir darüber bewusst, was Du von Deinem Partner brauchst, um Dein verletztes Gerechtigkeitsgefühl wieder herzustellen. Das hängt ganz von Deiner Person und Deiner individuellen Situation ab.

Es ist ganz normal, dass Du auch nach einem ehrlichem, offiziellen Akt des Verzeihens noch Groll in Dir trägst. Eine konstruktive Art damit umzugehen kann Sport sein, der Glückshormone erzeugt und Stresshormone abbaut. Ein Tagebuch kann ebenfalls oft bei der Reflexion helfen. Finde Deinen eigenen Weg! Manche Menschen müssen viel darüber reden, um eine Situation zu verarbeiten, anderen hilft Ablenkung beim Verarbeiten und Vergessen.

Hände, die einander berühren.