Was bedeutet innere Gelassenheit?

Man kann das eigene Leben so gar nicht recht fassen. Man stolpert hinein, wächst, macht unzählige Erfahrungen, sammelt Leid, Schmerz, Sorgen, genau wie freudige Ereignisse, Liebe und Lebendigkeit. Ehe man sich versieht, ist man erwachsen, hat einen Beruf, eine Familie und viele Pflichten, die einen im Alltag schonmal in die Knie zwingen können. Innere Gelassenheit gibt es nur, wenn ich mich abschirme und mir einen Schutzrum schaffe, in dem ich Erholung finde!? Das ist die übliche Vorstellung.

Aber wie kann man aus dem Wust an Eindrücken und Erfahrungen eine sinnstiftende Gelassenheit im Inneren erlangen? Wer gibt einem ein taugliches und in der Praxis umsetzbares Lebensmodell?

Gelassenheit in dir drinnen bedeutet eigentlich: das Spektrum der eigenen Gefühle zu kennen und dadurch emphatisch auf andere Menschen reagieren zu können, ohne in deren Emotionswelt einzusteigen und sich mitreißen zu lassen. Gelassenheit bedeutet Reife, um der Nachwelt die eigenen Erfahrungen aus dem gelebten Leben als Kraft mit auf den Weg geben zu können.

Inhalt:

Steine in Balance symboliseren innere Gelassenheit

Die eigenen Gefühle kennen

Die eigenen Gefühle zu kennen und zu wandeln ist die eigentliche Herausforderung, um innerlich gelassen zu sein. Unsere Gefühlswelt ist sehr komplex und bildet sich ursächlich in den ersten drei Jahren unseres Lebens aus. Hier lernen wir, was uns guttut und was uns weniger gut bekommt. Hier lernen wir zu erkennen, welche Menschen uns fördern und welche uns schaden können. In dieser ersten Lebenszeit legen wir die Grundmuster an, die uns lebenslang begleiten werden. Sie werden in den nächsten Jahren des Lebens stabilisiert und manifestiert, so dass wir, wenn wir ins Erwachsenenalter kommen, über einen Fundus an tradierten und übernommenen Schemata verfügen, wir sind sozusagen für unser Leben geprägt. Die ursächlichen Gefühle bestimmen über unsere Zukunft, über unser Verhalten und über all unsere Reaktionen und Denkmuster. Das macht unsere Welt individuell und subjektiv.

Durch unsere Begegnungen mit anderen Menschen und Kulturen, durch neue Meinungen und andere, uns fremde Traditionen, können wir uns selbst kennenlernen. Wir sehen und fühlen, wie wir reagieren. Wir beschäftigen uns mit dem Fremden oder wenden uns ab. Wir wollen uns in dem Fremden fühlen, es kennenlernen oder lieber das alte konservieren. Unsere Mitmenschen spiegeln uns Wohlwollen oder Kritik. Wir können in diesem Sinn im Spiegel der anderen lernen, neue Sichtweisen anzunehmen und unsere recht stabilen Weltbilder öffnen und wandeln. Man nennt dies auch, toleranter und reifer werden! Man erkennt nach und nach mit der Reife der Jahre, dass die anderen, genau wie wir selbst, „Recht haben“, und dass wir uns in Folge dieser Erkenntnis nicht über andere in manchen Situationen aufregen müssen. Ganz im Gegenteil, man sieht auf einmal, wie vielschichtig und komplex die Welt ist, und kann sich selbst daran weiterentwickeln. Man bekommt Input für neue Lösungsmöglichkeiten, lernt zu kombinieren, anderes anzunehmen und zu übernehmen. Das Wichtigste in dieser Phase ist das Fühlen. Denn nur über unser untrügliches Gefühl bekommen wir eine Orientierung im Leben. Was hilft uns und was schadet uns, welche Menschen sind vertrauenswürdig, welche fühlen sich nicht gut an?

Scheinheiligkeit, was ist das?

Das Risiko, das hier besteht, und dessen Auswirkung ich in meinen Beratungen immer wieder begegne ist, dass wir denken zu fühlen. Die vermeintliche Empathie für unser Gegenüber ist nur gedacht, nicht aber wirklich gefühlt. Dann kommt es zur „Scheinheiligkeit“. Hier wiederrum ist die Auswirkung, dass unser wahres Empfinden weggepackt ist und in uns schlummert. Werden wir im Außen durch Ereignisse mit weggepackten Emotionen konfrontiert, kommen sie abrupt zum Vorschein. Man war nur zum Schein nach außen heil, dahinter hat aber eine tiefe Verletzung geschlummert. Dies steht dann der inneren Gelassenheit im Weg. Man meditiert, macht Yoga und wendet andere vermeintliche Helfer an, aber in Krisensituationen spürt man sehr schnell, dass in einem irgendetwas noch nicht stimmt. Der innere Stress ist da, denn die Gelassenheit dauert genau so lange, bis ein Benehmen oder ein Ereignis einen wieder aufs Neue antriggert.

Zwei einfache Beispiele hierzu: Ich denke, ich bin sehr tolerant meinen ausländischen Mitmenschen gegenüber. Ich rede in Treffen mit meinen Freunden entsprechend und bin sogar ehrenamtlich aktiv in Hilfsgruppen, denn immerhin ist das zurzeit ein kulturell beliebter Status. Kommt meine Tochter mit einem Ausländer als neuen Partner nach Hause, reagiere ich vielleicht empört und aggressiv. Ebenso, wenn das neue Migrantenheim in der Nähe meines Hauses aufgebaut wird. Die Toleranz war also scheinheilig, hinter meiner Toleranz steckt eine Angst vor dem Fremden, die ich weggepackt habe und meine innere Gelassenheit schmilzt dahin.

Ich finde es in Ordnung und habe es oberflächlich und vom Verstand akzeptiert, dass meine Eltern mich geschlagen haben, sie wussten es auch nicht besser, weiß ich als großspurige Erklärung bei Gesprächen mit meiner Freundin. Es triggert mich aber sehr an, wenn ich über misshandelte Kinder lese oder davon höre, dann werde ich grenzenlos wütend, weil mein verstecktes Gefühl angesprochen wurde. Meine Haltung meinen Eltern und ihrem Schlagen gegenüber war scheinheilig, eigentlich verspüre ich noch einen großen Hass in mir.

Eine Frau liegt traurig am Sofa

Was führt mich zur inneren Gelassenheit - die Lösung

In unserer westlichen Kultur ist die Scheinheiligkeit ein beliebtes Verhaltensmuster. Man ist an der Oberfläche, als Maske für die Menschen um uns herum, moralisch höchst entwickelt. Tolerant, achtsam, respektvoll, eloquent. Dahinter brodelt allerdings eine Welt von nicht verarbeiteten Verletzungen und alten Emotionen. Erst wenn diese geheilt sind, erst wenn die eigene Verletzung Raum und Aufmerksamkeit bekommen hat, kann sie heilen. Erst dann kann eine tiefe und angenehme Reife und damit die innere Gelassenheit erreicht werden.

Es geht also niemals darum, die eigene Überforderung wegzudeckeln und so zu tun, als ob man mit all seinen Gefühlen sehr entspannt ist. Es ist wichtig, die eigene Unentspanntheit zu durchleben, sich selbst zu fühlen, und erst durch diese Prozesse die eigene innere Ruhe zu finden.

Aus diesem Grund erlangt man meistens erst im Laufe des Lebens ein gewisses inneres Gleichgewicht, wenn man die Zusammenhänge des Lebens erkannt, Frieden geschlossen und diesen Zustand verinnerlicht hat. Um diesen Zustand wirklich zu erreichen ist es hilfreich, eine SinnAufstellung zu machen. Hier werden einem die bisher verdeckten Emotionen bewusst und durch den aktiven Prozess gelöst. Das Ziel ist die Reifung der Persönlichkeit und eine entspannende innere Gelassenheit zu erlangen.

Ich wünsche von Herzen viel Erfolg auf diesem Weg

Stefanie Menzel

Mehr zum Thema Gefühle finden sie in Texten auf meiner Internetseite oder in meinen Seminaren und Beratungen.

Der Experte dahinter

Menzel Stefanie

Frei sein, leichter sein, ich sein. Nach dieser Philosophie lebt und arbeitet Stefanie Menzel in Frankenthal (Deutschland).  Sie ist die Begründerin der Heilenergetik und der Sinnanalytischen Aufstellungsarbeit.