Tantra Yoga: was steckt dahinter?

Der Begriff Tantra wird häufig mit Kamasutra und den darin beschriebenen sexuellen Praktiken in Verbindung gesetzt. Dabei führen die Phantasien meist zu ausschweifenden sexuellen Orgien mit Partnerwechsel vor einem scheinbar spirituellen Hintergrund – „Sex mit Räucherstäbchen“!

Yoga wiederum als philosophische Strömung aus dem Hinduismus praktiziert geistige und körperliche Übungen zur Steigerung der Konzentration und Disziplin. Bewusstwerdung und Selbsterkenntnis sind die diesem Weg zugrunde liegenden Ziele.

Tatsächlich hat die Lehre des Tantra die gleichen Ziele. Bedauerlicherweise hat die Tabuisierung von Sexualität in unserer Gesellschaft dazu geführt, dass sich der menschliche Geist mit Vorliebe auf die „verbotenen Themen“ stürzt – denken Sie jetzt nicht an einen lila Elefanten! Und? Woran haben Sie gedacht, obwohl Sie aufgefordert wurden, es nicht zu tun?

Eine Grafik zeigt einen Mann und eine Frau beim Tantra Yoga

Was hat Tantra mit Yoga zu tun?

Tantra lehrt den bewussten und ganzheitlichen Umgang mit Körper, Geist und Seele. Auf der körperlichen Ebene bedeutet „ganzheitlich“ auch den bewussten Umgang mit Sexualität. Ein Grund für die Tabuisierung von Sexualität war und ist der Glaube an das „Triebhafte“ im Menschen (Triebtheorie von Sigmund Freud). Geschieht Sexualität jedoch triebgesteuert und unbewusst, unterscheidet sich der Mensch in diesem Moment nicht mehr vom Tier. Kein Wunder, dass Sexualität im Dunkeln, unter der Decke und im Geheimen gelebt wurde und wird. Die Scham ist viel zu groß!

Tantra bedeutet im Sanskrit „Gewebe“ oder „Beziehung“. Yoga wiederum „Joch“ aber auch „Vereinigung“ oder „Integration“. Wie kommen beide zusammen? Tantra als die Lehre bewussten Lebens und bewusster Sexualität und Yoga als die Lehre von körperlicher und geistiger Disziplin? Yoga liefert mit seinen Körper- und Atemübungen die „Zügel“ die es braucht, um den Geist zu sammeln und damit auch die sexuelle Energie in bewusste Bahnen zu lenken. Im tantrischen Yoga werden sinnliche und sexuelle Erfahrungen mit der yogischen Disziplin kombiniert. So entsteht neben den bekannten positiven Wirkungen des Yoga auf physische und psychische Gesundheit auch eine Erweiterung der Sinneswahrnehmungen und eine Steigerung und Lenkung der sexuellen Energie.

Tantra, Sex und Yoga

Wie schon beschrieben, ist eine der Sanskrit-Bedeutungen von Yoga die Vereinigung. Für den Tantriker ist die Vereinigung (von Mann und Frau) die wichtigste und höchste aller Übungen. Vor dem Hintergrund von Tabuisierung und Scham wird die sexuelle Vereinigung oft nur kurzzeitig ausgeübt. Paulo Coelho thematisiert diese schamhaft kurze Dauer in seinem Roman „11 Minuten“ – länger dauert die Sexualität im Durchschnitt nicht.

Die meisten „populären“ Stellungen lassen sich auch selten über einen längeren Zeitraum ausüben. Dafür sind sie einerseits zu unbequem und andererseits fehlen den meisten Menschen die körperlichen Voraussetzungen. Diese kurze Zeitdauer ist darüber hinaus auch ungeeignet, um den sexuellen Energiefluss ganzkörperlich zu erleben. So ist es nicht verwunderlich, dass bei den meisten Menschen nach dem Koitus eine Entspannung entsteht und zum Einschlafen führt.

Sexuelle Energie ist gleichzusetzen mit Lebensenergie. Sexualität ist die Grundvoraussetzung für das Leben und ein „ja“ zur Sexualität bedeutet ein „ja“ zum Leben. Will man also diese Energie und damit die Lebensenergie bewusst und ausdauernd wecken und lenken, ist eine Verlängerung des Liebesaktes unumgänglich. Dies führt dann auch nicht zu einer Entladung mit anschließender Entspannung, sondern zu einer dauerhaften Anhebung des Energieniveaus auf allen Seins-Ebenen.

Um die körperlichen Fähigkeiten für einen ausgedehnten Liebesakt zu erweitern, ist Tantra Yoga die ideale Schule. Tantra Yoga fördert die Beweglichkeit und Ausdauer des Körpers – nicht nur für die Vereinigung im Sitzen oder Stehen – und damit auch die Erhöhung und Ausbreitung der sexuellen oder auch Lebensenergie. Tantra Yoga ist eine ganzheitliche Disziplin für glückliches und gesundes Leben.

Ein Paar macht eine Yoga Übung

Grundlagen des Tantra-Yoga

Atem und Bewegung sind neben der Nahrung entscheidende Faktoren für gesundes Leben und optimalen Energiehaushalt. In Atem und Bewegung drückt sich die momentan vorherrschende Energie aus. Es zeigt sich z. B. Niedergeschlagenheit in hängenden Schultern oder Angstzustände in flachem oder gar keinem Atem.

Tantra Yoga ist ein sehr effektiver Weg, um mit dem eigenen Körper und seiner Energie in Einklang zu kommen. Die Übungen stärken den Körper und bringen seine Energien in Balance. Nach und nach steigert sich die körperliche Flexibilität. So entsteht mit den besonderen Bewegungs- und Atmungsabläufen eine unerschöpfliche Kraftquelle für ein fröhliches und zuversichtliches Dasein.

Jeder Mensch kann Tantra Yoga betreiben – unabhängig von seinen philosophischen oder religiösen Ansichten. Dabei ist Tantra Yoga wie ein Gebet an die Schöpfung, von der wir ein Teil sind. Körper, Geist und Seele zu hüten, zu pflegen und weiter zu entwickeln bedeutet, die Schöpfung zu ehren.

So wie sich der Körper und seine Energien mit Tantra Yoga verändern, wächst auch die Lebensfreude und Ausstrahlung. Auch die Sexualität verändert sich und steigert die eigene Lust und Attraktivität.

Ein Mann und eine Frau machen eine Tantra Yoga Übung

Praxis des Tantra Yoga

Nacktheit ist für den Tantra Yoga die beste Bekleidung. Textilien behindern nicht nur die Beweglichkeit, sondern auch den Energiefluss. Auch lehrt Tantra die Freiheit von Scham und das Ablegen von Bewertungen und Idealen, insbesondere von Schönheitsidealen.

Wichtig ist die Kenntnis des Energiekörpers. Er besteht aus einer Reihe von Energiezentren (Chakren) und Energiebahnen (Meridiane). Die Lehre dieser Energiezentren und –bahnen ist tausende Jahre alt und findet auch im Ayurveda Anwendung. An der Basis der Wirbelsäule sitz die Kundalini oder „Schlangenkraft“. Ihr Aufsteigen in das Energiezentrum am Scheitel wird mit Erleuchtung gleichgesetzt. Dieser besonderen Energie widmet sich der Kundalini-Yoga.

Der Atem misst die Länge der Übungen. Neun Atemzüge sind für den Anfang eine steigerungsfähige Zeit für jede einzelne Übung. Der Atem kann auch mit Tönen, bzw. Tonsilben aus dem Sanskrit kombiniert werden.

Um Ordnung in das Chaos von Gedanken und Gefühlen zu bringen, helfen Vorstellungsbilder. Tantra lehrt, dass das, was wir für Realität halten, nichts weiter als unsere eigene Vorstellung von dem ist, was wir wahrnehmen. Diese Vorstellung beeinflusst unsere Gedanken, Gefühle und unsere Stimmung. Daher beinhaltet der meditative Aspekt des Tantra Yoga die Einbeziehung von Yantras. Ein Yantra, eine geometrische Figur, ist eine Stütze oder Hilfsmittel, den Geist zu beruhigen. Einfache Yantras sind Punkt, Kreis, Quadrat, Dreieck und Linie.

Die tägliche Praxis des Tantra Yoga kann helfen, sexuelle Störungen (z. B. ejaculatio praecox oder Lustlosigkeit) zu lindern und die innere Ausgeglichenheit und Balance bei Stress, Erschöpfung oder Wut und Ärger wieder herzustellen.

Der Experte dahinter

Peill Klaus

„Meine Einzigartigkeit ist die Vielseitigkeit!“ lautet die Lebensphilosophie von Klaus Gabriel Peill, der sich auf Tantra und Familienstellen spezialisiert hat.