Sportsucht – wenn das Training krankhaft wird

Ein Mann versucht einen riesigen Reifen zu heben

Wenn das Wort „Sucht“ fällt, denken die meisten Menschen vielleicht direkt an Drogensüchtige und Alkoholiker. Da sich viele andere Formen der Sucht in weniger offensichtlicher Art und Weise manifestieren und die Süchtigen als solche nicht so deutlich zu erkennen sind, wie jemand, der sich zitternd eine Spritze in die Vene sticht, fliegen diese zumeist unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung.

Süchte dieser Art äußern sich zumeist sehr viel subtiler und sind daher nicht im ersten Moment auszumachen. Schaut man allerdings zweimal hin und ruft sich wesentliche Merkmale einer Sucht in Erinnerung, muss man in einigen Fällen ebenfalls eine Abhängigkeit konstatieren, wo man sie gar nicht vermutet hätte. In diesem Zusammenhang treibt die Sucht mannigfaltige Blüten und bleibt oftmals für lange Zeit unerkannt.

Wer Sport treibt, lebt gesund, richtig? Sport wird von uns für gewöhnlich mit einem förderlichen Effekt für das Herz-Kreislauf-System und meist auch für den ganzen Körper assoziiert. Auch zum Abbau von Stress soll Sport sehr gut geeignet sein. Wer einen verschwitzten Jogger durch den Park rennen sieht, denkt als erstes an einen Menschen, dem seine Gesundheit wichtig zu sein scheint und würde diesen im Normalfall nie als Süchtigen ansehen.

Wie sich eine Sucht nach Sport entwickelt

Im überwältigenden Großteil der Fälle ist dem in der Tat auch so. Insbesondere bei denen jedoch, die womöglich in der Kindheit oder Jugend wegen ihrer Figur Hänseleien ausgesetzt waren, hat sich oftmals unterbewusst eine etwas verschobene Sicht der Dinge manifestiert, was die Prioritäten anbetrifft. Diese Menschen haben schmerzhaft am eigenen Leib erfahren müssen, was es heißt, wegen seinem Körper auf Ablehnung zu stoßen und wollen diesen Zustand niemals mehr erreichen, wofür sie hart trainieren und ihrem Körper tagtäglich viel abverlangen.

Die Motivation stets einen ästhetischen Körper zu haben, umtreibt diese Leute quasi Tag und Nacht. Meist sind bereits nach kurzer Zeit die ersten Erfolge zu beobachten, was dazu motiviert, genau so weiterzumachen wie bisher... oder eben noch intensiver! Hinzu kommt, dass irgendwann auch der Zuspruch von außen folgt. Die Menschen aus dem eigenen Umfeld nehmen Notiz von der Veränderung. „Sag mal, hast du abgenommen?“ Sprüche wie dieser beflügeln den Sporttreibenden, seine Bemühungen fortzuführen, bestätigen ihn und sind eine Art Lohn für seine Anstrengungen.

Ein weiterer Faktor ist neben der fremden auch die eigene Wahrnehmung. Plötzlich passt die Jeans wieder, die man seit Jahren wegen ein paar Pfunden zu viel nicht mehr anziehen konnte. Warum also etwas stoppen, was offenkundig funktioniert und wodurch man Zuspruch und Komplimente von außen bekommt, was zudem dazu führt, dass die Lieblingssachen wieder passen? Und meist kommt nun genau hier der Punkt, an dem man „Blut geleckt“ hat. Jetzt will man immer mehr davon in immer höheren Dosen, weshalb die Anstrengungen nicht nur beibehalten, sondern oft sogar gesteigert werden.

Woran erkennt man eine Sportsucht?

Getreu dem Motto „viel hilft viel“ wird nun das Pensum angezogen, denn mehr Sport bedeutet einen noch ästhetischeren Körper, was in noch mehr Zuspruch resultiert, richtig? So einfach schlussfolgert der Sportsüchtige das Eine aus dem Anderen. Er will diesen ästhetischen Körper um jeden Preis. Der Enthusiasmus und der unbändige Wille zum Training drohen an genau dieser Stelle allerdings, den eigentlich nützlichen Effekt des Sporttreibens umzukehren. Hier zeigen sich gewisse Verhaltensmuster, die auf eine Sucht hindeuten. Diese als Betroffener jedoch selbst zu erkennen und richtig zu deuten, ist höchst selten, schließlich hat man mit Sport bisher ja nur gute Erfahrungen gemacht.

Wie kann das also schlecht sein, wenn man das Pensum steigert? Das müsste doch in noch mehr Zufriedenheit und noch mehr Zuspruch münden. Mit genau dieser Annahme sitzt man einem gefährlichen Trugschluss auf, denn wie so oft, macht auch in diesem Fall die Dosis das Gift. Eingehend sollte man sich und seine Gewohnheiten hinterfragen, wenn Schmerzen ignoriert werden. Diese sind ein erstes Alarmsignal des Körpers, der damit nun langsam eine Pause oder eine geringere Intensität einfordert. Der Sportsüchtige wird die Schmerzen achtlos bei Seite wischen und sein Pensum beibehalten wollen. Ein weiteres Anzeichen sind Entzugserscheinungen.

Auch hier werden viele ungläubig die Stirn runzeln, vermutet man so etwas doch nur bei Drogensüchtigen. Tatsächlich gibt es aber auch körperliche Anzeichen von Entzugserscheinungen bei der Sportsucht. Nervosität, Gereiztheit, Aggressivität, depressive Stimmung, Schlafstörungen. All das sind deutliche Symptome. Die soziale Isolation ist ebenfalls ein Indikator für eine Sportsucht. Da in jeder freien Minute trainiert wird, bleibt keine Zeit mehr für das soziale Umfeld. Betroffene sollten sich beispielsweise die Frage stellen, wann sie eigentlich zuletzt mit Freunden etwas unternommen haben und wie häufig das vor dem exzessiven Training der Fall war.

Sportsachen liegen neben Obst und Tabletten

Das Thema Doping spielt eine Schlüsselrolle bei der Sportsucht – egal ob es sich im Freizeitbereich handelt oder dieser wettkampfmäßig ausgeübt wird. Da der Körper früher oder später überfordert wird, sendet er erste Warnzeichen in Form von Schmerzen oder kleineren Verletzungen. Natürlich kommt es für den Sportsüchtigen keinesfalls in Frage, deshalb einen oder mehrere Tage eine Pause einzulegen. Und hier kommt Doping ins Spiel.

Der natürliche Heilungsprozess des Körpers wird als zu lang empfunden. Hier möchte der Sportsüchtige am liebsten nachhelfen. Mit bestimmten Substanzen lässt sich die Regeneration erheblich beschleunigen. Der Sportsüchtige kann sich schneller wieder in höchstem Maße belasten, was natürlich als positiv wahrgenommen wird.

So wird oft der Stein erst mal ins Rollen gebracht und wahrscheinlich öfter verwendet. Im Spitzensport hat sich Doping bedauerlicherweise längst etabliert und ist auf höchstem Level nicht mehr wegzudenken. In einer Zeit, in der Trainingsmethoden ausgereizt zu sein scheinen, müssen andere Methoden her, sich den letzten Prozentpunkt Vorteile zu verschaffen. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass der eigene Körper genetisch bedingt eine natürliche Grenze aufweist.

Wenn man nicht noch härter und öfter trainieren kann und dennoch beispielsweise die 100 Meter „nur“ in 10,2 Sekunden läuft; welche Möglichkeit bleibt dann noch, die magische 10-Sekunden-Schallmauer doch noch durchbrechen zu können? Genau, Doping. Die Möglichkeiten, sich durch synthetische Substanzen einen unnatürlichen Vorteil zu verschaffen sind mittlerweile so facettenreich, dass selbst in Sportarten gedopt wird, von denen man es nicht unbedingt vermutet hätte. So nehmen beispielsweise sogar Bogenschützen diverse Mittelchen, sogenannte „Downer“, um ein im wahrsten Wortsinn ruhiges Händchen zu gewährleisten.

Jemand greift auf sein Bein

Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Das gilt auch im Fall eines Sportsüchtigen und kann als allgemeingültige Weisheit angesehen werden. Wer ein Auto über einen längeren Zeitraum stets am Drehzahlbegrenzer bewegt, wird auf absehbare Zeit einen Motorschaden zu beklagen haben.

Das Gleichnis mit dem Auto beschreibt bereits sehr anschaulich, wie sehr ein Sportsüchtiger seinem eigenen Körper zusetzt. Wenn dieser bereits mehrere Signale gesendet hat, den Ball im übertragenen Sinne langsam mal ein wenig flacher zu halten, und diese stets ignoriert worden sind, spricht der eigene Organismus ein deutliches Machtwort in Form einer schwereren Verletzung und holt sich so mit aller Gewalt die Pause, die er schon lange dringend benötigt.

Ob Muskelrisse, Ermüdungsbrüche, Gelenkverletzungen oder dergleichen - Spätestens an diesem Punkt wird dem Sportsüchtigen eine Denkpause verordnet, in der er angesichts dieses Dilemmas seine Trainingsgewohnheiten hinterfragen sollte, die richtigen Schlüssen ziehen muss und seine sportlichen Aktivitäten künftig entsprechend anzupassen hat. Weniger ist manchmal mehr und trotz aller sportlichen Ambitionen sollte man sich stets im Klaren darüber sein, dass ein elementares Instrument für jede Art von Tätigkeit unabdingbar ist, und zwar ein gesunder Körper, dem ruhig auch mal die eine oder andere Erholungspause gegönnt werden darf.