Wenn Getreide krank macht

Wer Getreide, insbesondere Weizen, nicht verträgt, hat häufig eine Odyssee an Arzt- und Klinikbesuchen mit viel Diagnostik und wenigen Resultaten hinter sich. Sind Zöliakie und Weizenallergie ausgeschlossen, werden die Betroffenen häufig als psychosomatisch krank eingestuft. Diese Menschen reihen sich in die ca. 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung der westlichen Welt ein, die an einem Reizdarm-Syndrom leiden. Sie klagen über Beschwerden nach dem Verzehr von Getreideprodukten wie Blähungen, Bauchschmerzen, Durchfall, Verstopfung und eine Fülle anderer Symptome. 

Getreideprodukte sind aufgereiht

Welche Krankheitsbilder kann Getreide hervorrufen?

Aus medizinischer Sicht gibt es inzwischen vier Krankheitsbilder, die mit Getreide und insbesondere mit Weizen in Zusammenhang stehen:

  1. Zöliakie
  2. Weizenallergie
  3. Nicht-Zöliakie-Weizensensitivität (NZWS)
  4. ATI-Sensitivität

Zöliakie

Zöliakie ist eine immunologisch bedingte Erkrankung, die durch eine echte Allergie auf Gliadin (Bestandteil von Gluten) hervorgerufen wird und zudem zu 85 bis 90 Prozent genetisch veranlagt ist. Sie betrifft etwa 0,4 bis 2 Prozent der Bevölkerung, d. h. mindestens 2 Millionen Menschen in Europa sind davon betroffen. 

Typisch für das klinische Krankheitsbild sind eine durch die Schädigung der Dünndarmschleimhaut gestörte Aufnahme von Mineralstoffen, Vitaminen und Spurenelementen und ein Gewichtsverlust aufgrund einer mangelhaften Fett-, Kohlenhydrat- und Eiweißverdauung. Im Blut lassen sich spezifische IgA- und IgG-Antikörper nachweisen, die gegen Gliadin, das Endomysium (Bindegewebsschicht) und die Transglutaminase (vernetzungsbildende Gewebsenzyme) gerichtet sind.

Mit Mehl ist Glutenfrei geschrieben

Weizenallergie

Diese ist im Erwachsenenalter sehr selten. Nach dem Verzehr von Weizen kommt es innerhalb kürzester Zeit zu Atemnot, heftigem Ausschlag und Erbrechen, im schlimmsten Fall tritt ein lebensbedrohlicher allergischer Schock auf. Eine Sonderform ist das Bäckerasthma, das durch Eiweißallergene im Mehlstaub hervorgerufen wird.

Beim Becker fliegt Mehlstaub durch die Luft

Nicht-Zöliakie-Weizensensitivität (NZWS)

Die Nicht-Zöliakie-Weizensensitivität wird auch als Gluten- oder Weizensensitivität bezeichnet. Die NZWS hat in den vergangenen Jahrzehnten im sogenannten Weizengürtel – USA und Europa – deutlich zugenommen. In der Diagnostik gibt es keine entsprechenden biologischen Labormarker. Die klassischen Symptome gleichen jenen des Reizdarm-Syndroms. 

Als Ursache werden laut australischen Forschern Fruktane, das sind Oligosaccharide aus Fruktose und Galaktoseketten, die im Dickdarm von Bakterien vergoren werden, verantwortlich gemacht. Weiters gehören in diesen Bereich Fruktose und Laktose sowie Polyole, das sind Zuckeralkohole wie Sorbit, Xylit, Mannit, Maltit, Isomalt, Polydextrose und Laktit. Diese Stoffe kommen in verschiedenen Obst- und Gemüsesorten vor und werden in der Lebensmittelindustrie als Zusatzstoffe zum Süßen und zur Verbesserung der Haltbarkeit eingesetzt. Auch Backwaren sind davon betroffen.

Der menschliche Körper hat für den Abbau der Polyole und Fruktane keine Enzyme, weshalb diese von Darmbakterien fermentiert werden und auf diese Weise Blähungen, Darmkrämpfe und Durchfall auslösen.

ATI-Sensitivität

ATI steht für "Amylase-Trypsin-Inhibitoren", Eiweißstoffe in verschiedenen glutenhaltigen Getreidearten wie Weizen – vor allem "Hochleistungsweizen" –, die das Korn gegen vorzeitigen Eiweißabbau und damit gegen Parasiten schützen. Gegen diese Schutzproteine kann eine immunologische Reaktion auftreten. Die ATIs werden im Darm schwer abgebaut und sind auch als Allergen für die Mehlstauballergie verantwortlich.

Untersuchungen zeigen, dass ATIs das angeborene Immunsystem aktivieren und damit Symptome wie Gliederschmerzen, Müdigkeit, Fatigue, Foggy Mind etc. erklären können. Es gibt zudem Hinweise, dass die ATIs im Weizen stärkere Entzündungsreaktionen im Darm hervorrufen als andere Getreidesorten. 

Die züchtungsbedingte Zunahme von ATIs in den sogenannten Hochleistungsweizensorten scheint eine der bedeutendsten Ursachen für Beschwerden bei Weizenkonsum zu sein. Laut Harvard-Prof. Dr. Dr. Schuppan – Biochemiker, Immunologe und Facharzt für Gastroenterologie und Hepatologie – steht die ATI-Sensitivität auch in Verbindung mit Autoimmunerkrankungen wie Rheuma und Multipler Sklerose. Zudem beeinträchtigen ATIs den Stoffwechsel und begünstigen die Entstehung von Diabetes mellitus Typ II.

Zur Diagnosestellung wird ein Provokationstest empfohlen. Der Patient sollte sich für sechs Wochen mit glutenhaltiger Normalkost ernähren und dann für weitere sechs Wochen mit einer glutenfreien Diät. Bessern sich die Symptome nicht, kann in der Regel eine ATI-Sensitivität ausgeschlossen werden.

Getreide ja, aber hochwertig!

Meiden Sie Produkte aus Hochleistungsweizen und greifen Sie zu natürlichen, biologisch gezüchtetem Getreide. Weiters ist auf die Zubereitung zu achten: Bei Sauerteigbrot etwa werden während des langen Reifungsprozesses die oben erwähnten unverdaulichen Fruktane fermentiert, was das Brot viel verträglicher und leichter verdaulich macht.

Auf einem Feld wächst Weizen

Genesung bzw. Prävention mit der modernen Mayr-Medizin

Die moderne Forschung zeigt, dass komplexe Wechselwirkungen auf zellulärer und molekularer Ebene zwischen dem Immunsystem und Weizenbestandteilen vorliegen. Die Auswirkungen dieser komplizierten immunologischen Prozesse und Wechselwirkungen sind enorm und betreffen einen großen Prozentsatz ungeklärter Fälle von Reizdarmpatienten, die oft unter heftigen Beschwerden leiden. All die oben angeführten Substanzen lösen eine chronische Entzündung aus, auf deren Boden eine erhöhte Durchlässigkeit der Darmschleimhaut für Toxine und potente Allergene entsteht, was auch als Leaky-Gut-Syndrom bezeichnet wird.

Genau an dieser Stelle setzt die Therapie nach F. X. Mayr an. Die moderne Diätetik, die Schonung des Verdauungstraktes über mehrere Wochen im Jahr, trägt entscheidend zur Genesung und Prävention der oben beschriebenen von Getreide ausgelösten und vielen anderen Erkrankungen bei.

Autor: Dr. med. Mag. phil. Richard Kogelnig

Wichtiger Hinweis: In diesem Beitrag werden nur allgemeine Hinweise gegeben, er stellt keine Grundlage für eine Selbstdiagnose dar! Bitte jedenfalls einen fachkundigen Arzt zu Rate ziehen.