Haben Rückenschmerzen bei Kindern mit Wachstum zu tun oder eher doch mit Bewegungsmangel?

Rückenschmerzen kommen bei Erwachsenen sehr häufig vor und sind oft ein Zeichen für einen ungünstigen Lebenswandel. Aber wie sieht das bei Kindern und Jugendlichen aus? Was bedeuten Rückenschmerzen im jungen Alter? Kann es sich dabei um Wachstumsschmerzen handeln oder steckt mehr dahinter? Wir haben mit Dr. Dieter Breithecker gesprochen. Er ist Mitglied im Expertenrat der Aktion Gesunder Rücken e. V. sowie Präsident der Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung in Deutschland und weiß, welche Schwierigkeiten bei Kindern zu Rückenschmerzen führen können. Außerdem gibt er im Podcast wertvolle Tipps, wie Eltern den Ursachen entgegenwirken können.

Rückenschmerzen bei Kindern: Wachstum kann eine Ursache sein

"Die Wirbelsäule von Erwachsenen hat eine doppelte S-Form. Diese Form entwickelt sich bei Kindern jedoch erst nach und nach", erläutert Dr. Dieter Breithecker. Bei Neugeborenen ist die Wirbelsäule ziemlich flach. In der Vorschulphase ist ein Hohlkreuz bei Kindern ganz normal. Erst im Alter des Schuleintritts richtet sich das Becken auf und die typische Form der Wirbelsäule entsteht. Bis sich die Doppel-S-Form komplett ausgebildet hat, dauert es bis zum zehnten oder elften Lebensjahr.

Im Laufe dieser Entwicklung kann es zu temporären Wachstumsschmerzen im Rücken kommen. Sie kommen etwa ab dem zehnten Lebensjahr vor und treten meistens in den Beinen auf. Aber auch im unteren Rücken können diese Schmerzen entstehen. Die Ursache für Wachstumsschmerzen ist eine ungleichmäßige Belastung der Bänder und Sehnen, Knochen und Gelenke. In den meisten Fällen treten die Wachstumsschmerzen abends auf und sind bis zum Morgen wieder verschwunden. Sollten die Beschwerden und Schmerzen über längere Zeit anhalten, ist ein Besuch beim Kinderarzt wichtig, um eine Erkrankung auszuschließen. In den meisten Fällen verschwinden die Wachstumsschmerzen jedoch von selbst. Eine Wärmflasche oder auch ein Kühlpack kann die Wachstumsschmerzen lindern.

Mädchen hält sich den schmerzenden Rücken

Bewegungsmangel ist die häufigste Ursache für Rückenschmerzen bei Kindern

"Kinder haben einen starken angeborenen Bewegungsdrang", erklärt Dr. Breithecker. Sie balancieren, klettern, rennen, springen und laufen. Leider haben viele Kinder immer weniger Gelegenheit dazu. Nach einer Studie der Universität Heidelberg sitzen schon Grundschulkinder bis zu zehn Stunden am Tag. Sie sitzen in der Schule viele Stunden, später dann wieder bei den Hausaufgaben und auch die Freizeit findet häufig sitzend statt.

Dadurch können große Probleme entstehen. Die komplexe Entwicklung des Rückens braucht die natürliche Bewegungsunterstützung. Wenn bei Kindern und Jugendlichen diese Bewegung fehlt, verkümmern die Muskeln, die den Rücken stützen und stärken. Die Wirbelsäule kann sich dann nicht optimal entwickeln, es kommt zu Haltungsschwächen und Schmerzen.

Kind mit Laptop auf dem Sofa

Kann Stress Rückenschmerzen bei Kindern verursachen?

Bei Erwachsenen hängen Rückenschmerzen sehr häufig mit Stress zusammen. Wird der Rücken untersucht, findet man meist keine eindeutige Ursache für die Schmerzen. Diese liegen dann im psychosomatischen Bereich.

Bei Kindern und Jugendlichen kann es ähnlich sein. Auch bei ihnen kann Stress in der Schule, in der Familie oder mit Freunden zu Rückenschmerzen führen. Es lohnt sich deshalb, diese Themen besonders in den Blick zu nehmen, wenn Kinder über Beschwerden klagen.

Kinder können Schmerz nur schwer artikulieren

Wichtig zu wissen: Gerade kleine Kinder können nur schwer äußern, dass und wo sie Schmerzen haben. Rückenschmerzen sind häufig nicht klar zuzuordnen, sodass Kinder eher über Schmerzen im Kopf oder in den Beinen klagen. Auch bei Bauchschmerzen kann es sich in Wirklichkeit um Rückenschmerzen handeln. 

Wenn plötzlich starke Schmerzen auftreten oder die Rückenschmerzen über Tage und Wochen anhalten, sollte unbedingt ein Kinderarzt aufgesucht werden. Dieser kann dann untersuchen, ob ein ernsthaftes Problem vorliegt.

Kind mit Rückenschmerzen beim Kinderarzt

Was können Eltern gegen Rückenschmerzen bei Kindern tun?

Die wichtigste Maßnahme gegen Rückenschmerzen ist ein reichhaltiges Bewegungsangebot für dein Kind. Es sollte stetig Anreize zu vielfältiger Bewegung bekommen. Eltern sollten deshalb zum Beispiel viel mit ihren Kindern auf den Spielplatz oder in den Wald gehen und sie möglichst einfach toben lassen. Je stärker Eltern ihre Kinder aus Angst oder Sorge einschränken, umso weniger Gelegenheit haben diese, sich auszutoben und gesund zu entwickeln.

Aber auch im Innenbereich können Kinder bewegt werden. So sollten Kinder Sitzmöbel haben, die beweglich sind und ihrem Bewegungsdrang Raum geben. Dazu gehören zum Beispiel Sitzbälle, Wackelhocker oder Stehpulte.

Jedoch können zusätzlich zu einem bewegten Lebensstil noch weitere Maßnahmen im (Schul)Alltag dem Rücken guttun. Das sind weitere Tipps gegen Rückenschmerzen bei Kindern:

  • Achtet auf einen gutsitzenden Schulranzen! Worauf du zum Wohle deines Kindes achten solltest, erfährst du unter www.agr-ev.e/schulranzen.
  • Auch die Auswahl von Kinderschuhen kann entscheidend für die Rückengesundheit sein. Spare nicht an der falschen Stelle, sondern investiere in Schuhe, die die Kinderfüße und damit auch den Rücken unterstützen!
  • Um die Bewegungsfreude und auch die Möglichkeiten im Alltag bei Kindern und Jugendlichen zu fördern und zu schaffen, sind Sportvereine besonders wichtig. Dort finden sie viele verschiedene Bewegungsangebote und Kontakte zu Gleichaltrigen. Versuche einfach, gemeinsam mit deinem Kind das richtige Angebot zu finden!

Mehr Informationen und Angebote für die Rückengesundheit findest du auf der Webseite der Aktion Gesunder Rücken e.V. Und natürlich legen wir dir den Podcast mit unserem Experten Dr. Breithecker ans Herz. Dort erfährst du viele weitere wichtige Details rund um die Rückengesundheit bei Kindern. 

Wichtiger Hinweis: Dieser Beitrag enthält nur allgemeine Hinweise und dient ausschließlich zu allgemeinen Informationszwecken. Die Informationen stellen keine konkrete Empfehlung dar und dienen keinesfalls als Grundlage für eine Selbstdiagnose! Jedenfalls ist der Rat eines fachkundigen Arztes einzuholen.



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