Mein Mann zeigt keine Gefühle – woran kann das liegen und wie gehe ich damit um?

In unserer Kultur erwarten wir von Männern oft, dass sie stark, stoisch und schweigsam sind. Wir wollen, dass Jungen und Männer ihre Gefühle ausblenden. Denk nur mal an Redewendungen wie "Jungs weinen nicht" oder, wie man sehr viel früher auch gerne gesagt hat: "Ein Mann zeigt keine Gefühle". Gleichzeitig sind wir frustriert, wenn erwachsene Männer nicht über die Sprache oder die Fähigkeiten verfügen, auf eine tiefere emotionale Weise zu kommunizieren. Was die Gründe dafür sein könnten und wie man damit umgeht, erfährst du hier.

Mann zeigt keine Gefühle - ein Mann sitzt apathisch am Tisch, über seinen Augen kleben rosafarbene Post-its, auf denen Augen aufgemalt sind.

Mein Mann zeigt keine Gefühle – warum sprechen Männer nicht über ihre Emotionen?

Ein Mann zeigt keine Gefühle. Punkt. Diese "Weisheit" war leider viel zu lange eine gesellschaftlich akzeptierte Meinung. Die Folgen waren jedoch katastrophal. Millionen Männer haben nämlich inzwischen ein Problem mit ihrer psychischen Gesundheit.

Eine Studie der Wohltätigkeitsorganisation Mind zeigte, dass sich etwa 37 Prozent der Männer besorgt oder niedergeschlagen fühlen. Die drei wichtigsten Themen, die sie beschäftigten, waren Arbeitsplatzsicherheit, Jobzufriedenheit und Geld. Was ist also die Ursache dafür, dass so viele Männer unter Angst und psychischen Problemen leiden? 

Warum wirken Männer oft gefühlskalt?

Hier sind die häufigsten Gründe dafür, dass es Männern schwerfällt, die eigenen Emotionen auszudrücken und über ihre Probleme zu sprechen: 

  • Sie stigmatisieren sich oft selbst, was zu einem tiefen Schamgefühl führt, wenn sie Anzeichen für psychische Probleme bemerken.
  • Ihnen ist es oft peinlich, ihrer Frau oder gar anderen Menschen gegenüber zuzugeben, dass sie Probleme haben, selbst wenn diese beträchtlich sind. Und es fällt ihnen im Vergleich zu Frauen schwer, Hilfe zu suchen.
  • Sie "ertragen" oft relativ geringe Schwierigkeiten, was bedeutet, dass diese zu größeren Problemen werden können.
  • Männer zeigen oft auch nicht die üblichen Anzeichen psychischer Probleme und versuchen stattdessen, durch Drogenkonsum, Alkohol oder Aggression mit ihren Problemen umzugehen.

All diese Faktoren können dazu führen, dass psychische Probleme vielleicht nicht diagnostiziert oder gar übersehen werden.

Ein in Gedanken versunken wirkender Mann sitzt an eine Holzwand gelehnt.

Warum muss man emotionale Losgelöstheit verstehen?

Emotionale Losgelöstheit ist die Vermeidung der Entwicklung und des Zeigens emotionaler Verbindungen. Dieser Zustand, oft auch als flacher Affekt bezeichnet, geht mit dem Fehlen von positiven oder negativen Gefühlen einher. Es kann sich dabei um einen vorübergehenden Zustand handeln, der als Reaktion auf ein traumatisches Ereignis auftritt. Es kann sich aber auch um das Ergebnis einer chronischen Erkrankung, wie einer Depersonalisationsstörung handeln.

Das Fehlen von Vorbildern, die gesunde emotionale Reaktionen zeigen, gescheiterte Beziehungen in der Vergangenheit oder die Angst, verletzt zu werden, können ebenfalls zur Entwicklung einer emotionalen Losgelöstheit beitragen, unter der natürlich auch Frauen leiden können. Wenn es zu emotionaler Losgelöstheit kommt, kann es schwierig sein, sich Glück in irgendeiner Form vorzustellen. Betroffene haben häufig auch Schwierigkeiten damit, Liebe zuzulassen. Auch wenn die Person klinisch depressiv ist, kann das Fehlen jeglicher Emotionen die Diagnose einer Depression erschweren.

Ist die Ursache vielleicht eine problematische Kindheit?

In der Kindheit beginnt der Mensch, seine Persönlichkeit zu formen und zu lernen, wie er mit den Stressfaktoren des Lebens umgehen kann. Wenn ein Kind in einer Umgebung aufwächst, die ständig stressig und unangemessen ist, verändert sich seine Wahrnehmung dessen, was normal ist. Kinder beginnen dann damit, ihre eigenen Bewältigungsmechanismen zu entwickeln, die in der Regel nicht gesund sind.

In einer gestörten Kindheit lernen Menschen seltener, wie sie Gefühle zulassen und damit angemessen umgehen können. Das kann zu infantilem Verhalten führen. Wenn Menschen nicht verstehen, warum sie bestimmte Empfindungen haben und wie sie damit umgehen können, wird ihre Fähigkeit, effektiv zu kommunizieren, beeinträchtigt.

Emotionen sind sehr kompliziert und machen einen großen Teil der Persönlichkeit aus. Ohne grundlegende Kenntnisse über diese komplizierten inneren Vorgänge wird es für eine Person schwierig, zu wissen, wer sie wirklich ist. Das wiederum erschwert es, Liebe zu empfinden und eine Beziehung zu führen, in der man sich in völliger Offenheit und Ehrlichkeit dem Partner hingibt.

Ist es ein Beschützerkomplex?

In einer Beziehung haben Männer oft das Bedürfnis, den Beschützer und Versorger zu spielen. In dieser Rolle versuchen sie, eine Vielzahl von Lasten zu schultern, was sehr anstrengend sein kann. Als Teil der allgemeinen Vorstellung davon, was es bedeutet, ein Mann und ein Ehemann zu sein, wollen sie ihre Frau oder Partnerin glücklich machen und ihr Sicherheit geben. Das bedeutet, dass sie viele ihrer Gefühle zurückhalten, um ihre Angst, ihren Stress und ihr Selbstbewusstsein zu verbergen. Sie wollen ihrem Partner zeigen, dass sie stark genug sind, um alles allein zu bewältigen und dass sie in der Lage sind, die Rolle des Versorgers zu übernehmen. Dies kann zu einer Belastung in der Beziehung führen.

Eine Partnerschaft bedeutet, dass man das Leben mit all seinen Schwierigkeiten teilt. Eine Person sollte nicht mehr Last tragen als die andere, unabhängig vom Geschlecht. Das Teilen von Verantwortung bedeutet mehr Offenheit und eine bessere Beziehung. Hilf dem Mann in deinem Leben, sich von diesen Stereotypen zu befreien, indem du eine gleichmäßige Aufteilung der Verantwortung und der Gefühle förderst!

Ein muskulöser Mann in einem Gladiatorenoutfit.

Hat er etwas zu verbergen?

Der beste Weg, etwas zu verbergen, besteht darin, seine Gefühle und Gedanken vollständig zu unterdrücken. Wenn ein Mann versucht, etwas zu verbergen, ist es einfacher, ein Geheimnis zu bewahren, wenn er sich nicht in seine innersten Gefühle und Gedanken vertieft. Wenn er über seine Emotionen spricht, kann ihm ein Fehler unterlaufen, der das verraten könnte, was er in der tiefsten, dunkelsten Ecke seines Verstandes begraben hat.

Ganz gleich, ob es sich um etwas handelt, das einen geliebten Menschen verletzen könnte, oder um etwas, das ihn selbst verletzen könnte, wenn er es preisgibt: Wenn er seine Gedanken und Gefühle für sich behält, ist es einfacher, sie zu leugnen und zu verbergen. Es ist in der Regel ein Warnsignal in Beziehungen, wenn Männer anfangen, sich anders zu verhalten und sich weigern, zu reden. Sie haben vielleicht etwas, von dem sie nicht wollen, dass du es erfährst und sie werden alles tun, um ihre Geheimnisse zu bewahren.

Ist dein Partner oft wütend?

Männern wird leider immer noch viel zu häufig beigebracht, dass Wut eine der wenigen Emotionen ist, die sie offen zeigen können, ohne ihre Männlichkeit zu gefährden. Wütend werden und kämpfen ist, für Männer mehr als für Frauen, gesellschaftlich akzeptiert. Wenn Wut das einzige Gefühl ist, das man sicher ausdrücken kann, kann man sich eingeengt fühlen. Festgefahren. Und obwohl es ein wichtiges Gefühl ist, kann es ätzend und giftig sein, wenn es auf übermäßig aggressive Weise zum Ausdruck kommt. 

Im Folgenden findest du einige Hilfsmittel, die jedem Menschen helfen, konstruktiv mit Wut umzugehen. Es braucht Zeit, Versuch und Irrtum sowie Geduld, um das Verhältnis eines Menschen zur Wut zu ändern. Langfristig wird es jedoch für Betroffene und die, die sie lieben und von denen sie geliebt werden, hilfreich sein.

Ein sichtlich verärgerter Mann.

Warum sollte man nicht kommunizieren, wenn man wütend ist?

Wenn wir wütend sind, werden wir physiologisch überflutet. Das macht es schwierig, klar zu denken. Es geht nicht darum, die Wut zu ignorieren, doch es kann hilfreich sein, sich etwas Zeit für die Selbstreflexion zu nehmen, bevor man versucht, ein Gespräch fortzusetzen, wenn man gerade wütend ist. Wenn man sich im Zorn streitet, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass man etwas sagt oder tut, was man später bereut.

Kann man lernen, sich selbst zu beruhigen?

Was machst du als Nächstes, wenn du merkst, dass du von Wut überflutet bist? Wie bei jeder starken Emotion kann es hilfreich sein, einen Werkzeugkasten voller Selbstfürsorgeaktivitäten zu haben, mit denen man sich selbst beruhigen kann. Jeder Mensch sollte wissen, was ihm hilft. Das kann ein Spaziergang sein, Musik hören oder vielleicht auch Yoga. Man muss etwas finden, das einem hilft, sich zu beruhigen, wenn man von Stress und anderen negativen Gefühlen überflutet wird.

Ein in sich ruhend wirkender Mann in einer meditativen Pose.

Kannst du Sanftheit und Nachsicht walten lassen?

Sobald man sich etwas beruhigt hat, kann man das Gespräch von einer sanften Seite aus wieder aufnehmen. Mit Sanftheit ist gemeint, dass man sich daran erinnert, dass man seinen Gesprächspartner liebt und ihm einen Vertrauensvorschuss gibt, wenn man über das spricht, was einen verärgert hat.

Kannst du den Standpunkt deines Partners verstehen?

Es ist zwar verlockend, sich vorzustellen, dass wir völlig Recht haben und unser Partner völlig im Unrecht ist. Doch es kann produktiver sein, zu versuchen, eine Meinungsverschiedenheit aus der Sicht der anderen Person zu sehen. Auch hier gilt: Wenn du dir etwas Zeit genommen hast, um dich abzukühlen und deine Gedanken zu ordnen, wird es dir leichter fallen, den ersten Schritt zu machen.

Ein glücklich wirkender und lächelnder Mann hält eine Zeichnung mit einem Smiley vor die linke Seite seines Gesichts.

Habt ihr Grundregeln festgelegt?

Sprecht über Grundregeln, wenn ihr nicht wütend seid! Nachdem ihr tollen Versöhnungssex oder eine andere verbindende Aktivität gehabt habt, nehmt euch Zeit, den Streit zu verarbeiten! Was ist gut gelaufen? Was hätte besser laufen können? Es mag zwar kontraintuitiv erscheinen, über das Streiten zu sprechen, wenn man sich gerade nicht streitet. Allerdings ist das eine gute Möglichkeit, Probleme zu lösen und in Zukunft bessere Partner zu werden. 

Warum passen Männlichkeit und Gefühle so schlecht zusammen?

Männlichkeit und das, was es bedeutet, ein Mann zu sein, ist in den Köpfen seit der Kindheit verankert. Männer sind Zeugen der Stereotypen von männlichen Helden, die unabhängig, stark und fähig sind. Oft wird die Rolle, emotionale Unterstützung zu bieten, nicht mit dem Mann sein in Verbindung gebracht und daher abgelehnt. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass Männer in der Lage sind, mit anderen über ihre psychische Gesundheit und ihre Gefühle zu sprechen. Denn nur wenn sich die Vorstellung davon, was es bedeutet, ein Mann zu sein, zu ändern beginnt, werden sie in der Lage sein, sich zu öffnen, bedingungslos zu lieben und keine Angst davor haben, Gefühle oder Schwierigkeiten preiszugeben.