​Emotionale Abhängigkeit in einer Beziehung: Wenn Liebe zur Sucht wird

Liebe kann schnell zur Gewohnheit werden. In einigen Partnerschaften entsteht nach einer gewissen Zeit das Gefühl, dass man das Gegenüber braucht, um glücklich zu sein. Daher haben Betroffene eine riesige Angst, den Partner oder die Partnerin zu verlieren. Das wiederum belastet Partnerschaften auf Dauer, da man eigene Freiheiten immer mehr aufgibt. In diesem Beitrag erklären wir, wie Abhängigkeit in einer Beziehung entstehen kann. Außerdem verraten wir dir, wie du lernen kannst, unabhängig und frei zu lieben.

Eine junge Frau sitzt mit gesenktem Kopf vor einem alkoholischen Getränk

Was bedeutet emotionale Abhängigkeit in einer Beziehung?

Unter emotionaler Abhängigkeit versteht man allgemein die gefühlsmäßige Bindung an einen anderen Menschen, welche dazu führt, dass persönliche Freiheiten aufgegeben werden. In einer Beziehung bedeutet Abhängigkeit das Gefühl, den Partner oder die Partnerin unbedingt zu brauchen.

Natürlich ist es normal, dass man geliebte Personen bei sich haben will, allerdings gilt auch hier, das gesunde Maß einzuhalten. In extremen Fällen führt emotionale Abhängigkeit nämlich dazu, dass sich Betroffene nicht mehr vorstellen können, ohne ihren Partner zu leben. Das überschreitet bei weitem das natürliche Maß eines intensiven Zugehörigkeitsgefühls in einer Beziehung und stellt eine große Last für beide Partner dar.

Wer sich emotional abhängig von einer anderen Person macht, gibt sich selbst völlig auf. Besonders in Liebesbeziehungen ist es aber wichtig, dass beide Partner ihre Freiräume haben. Klammern und Eifersucht sind die logischen Folgen von emotionaler Abhängigkeit. Wer den Partner oder die Partnerin auf keinen Fall verlieren will, entwickelt große Angst vor einer Trennung. Das führt zu mehr Drama, Eifersuchtsattacken, emotionaler Erpressung und Affekthandlungen.

Das große Problem dabei ist, dass viele Betroffene gar nicht wahrnehmen, wie stark abhängig sie sind. Meist wird emotionale Abhängigkeit mit großen Gefühlen bzw. intensiver Liebe gerechtfertigt oder gar verwechselt. Der erste Schritt zur Besserung ist, sich einzugestehen, dass man abhängig ist. Nur dann ist es möglich, seine Beziehung in eine andere, freiere Richtung zu lenken. Sei dir dessen bewusst, dass Liebe nämlich Freiraum braucht, um wahrlich aufzublühen und lange glücklich zu machen.

Die Abhängigkeit in der Beziehung ist für dieses traurig wirkende Paar eine Belastung

Wie entsteht Abhängigkeit in einer Partnerschaft?

Emotionale Abhängigkeit entsteht in Folge einer inneren Unausgeglichenheit. Betroffene sind unzufrieden mit sich und ihrem Leben. Das führt dazu, dass sie ihr Glück in jemand anderen projizieren und ihren Wert von einer anderen Person abhängig machen. Der wohl häufigste Grund dafür ist ein geringes Selbstwertgefühl. So schwirren bei Betroffenen Gedanken durch den Kopf wie: „Ich würde alles für ihn/sie tun“ oder: „Ohne ihn/sie bin ich nicht liebenswert und nichts wert.“  Oder auch: „Mir geht es nur dann gut, wenn er/sie glücklich ist“.

Weitere Gründe für emotionale Abhängigkeit können starke Verlustängste sein. Möglicherweise sind diese Ängste auf vergangene negative Erlebnisse zurückzuführen, beispielsweise aus der Kindheit oder aus früheren Beziehungen. Wer als Kind plötzlich von einem Elternteil oder im späteren Leben vom Partner ohne Vorankündigung verlassen wurde, befürchtet, dass sich das wiederholen könnte. Das steigert die Bemühungen, den Partner, koste es, was es wolle, bei sich zu halten. Die Folge ist klammerndes und einengendes Verhalten.

Als eine weitere mögliche Ursache gilt unzureichendes Urvertrauen. Wenn es von jeher an Sicherheit und Vertrauen mangelt, fällt es unheimlich schwer, verlässliche Bindungen aufzubauen. So kann sich auch eine sogenannte Co-Abhängigkeit entwickeln. Ursprünglich kommt dieser Ausdruck aus dem Suchtbereich. Von Co- Abhängigkeit ist die Rede, wenn Angehörige durch suchtbegünstigendes Verhalten zur Verlängerung einer Suchterkrankung beitragen. Co-Abhängigkeit in Beziehungen entsteht, wenn der Betroffene sein Gegenüber in einer Weise unterstützt, bei der das eigene Leben hintenangestellt wird. Die Partnerschaften sind dadurch gekennzeichnet, dass beide Partner auf der Suche nach Zuwendung sind. Sie schenken Zuwendung, um diese wiederum zu erhalten. So entsteht allmählich eine Abhängigkeit. Co-Abhängige in einer Beziehung beschäftigen sich nur mit den Gefühlen, Gedanken und Taten des Partners oder der Partnerin und versuchen, diese zu manipulieren. Dabei verlieren sie mehr und mehr den Bezug zu ihren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen. Die Kontrolle und Manipulation gehen so weit, dass die Freiheiten beider Partner eingeschränkt werden.

Um eine längerfristig liebevolle Partnerschaft zu führen, ist es also unerlässlich, an sich selbst und seinem Selbstwert zu arbeiten. Dein Glück sollte von innen heraus entstehen, dann kann es sich grenzenlos vermehren und andere Menschen erfreuen.

Ein Portrait eines glücklichen Paares auf der Couch

Warum kann aus Liebe Abhängigkeit werden?

Verliebt zu sein ist eines der schönsten Gefühle, die es gibt. Daher ist es mehr als verständlich, dass man die Person, die das Gefühl in einem auslöst, auch bei sich haben will. Allerdings ist die Grenze zwischen Liebe und Abhängigkeit oft fließend. Das Gefühl, geliebt und gebraucht zu werden, wollen Betroffene auf keinen Fall missen. Ohne es zu bemerken, kann es passieren, dass es für einen nichts Schlimmeres gibt, als den Partner oder die Partnerin zu verlieren. In diesen Fällen lässt sich Liebe auch als eine Art Sucht betrachten.

Menschen, die sich emotional abhängig machen, sind süchtig nach der Zuneigung ihres Partners oder ihre Partnerin. Sie brauchen permanent Bestätigung, geliebt zu werden. Ihnen fällt selbst lange nicht auf, dass diese Form von Liebe nichts oder kaum mit wahrer Liebe zu tun hat. Daher ist es auch so schwierig, sich von dieser Sucht wieder zu lösen.

Woran erkennt man emotionale Abhängigkeit?

Folgende Anzeichen können auf emotionale Abhängigkeit in der Beziehung hinweisen:

  • Es besteht kein Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen.
  • Es herrscht kein oder wenig Vertrauen.
  • Man hat ständig Angst davor, verlassen zu werden.
  • ​Man reagiert in vielen Situationen unkontrollierbar eifersüchtig.
  • ​Man kann sich ein Leben ohne den Freund oder die Freundin nicht vorstellen.
  • ​Interessen, Hobbys und Freundschaften werden vernachlässigt.
  • ​Eigene Bedürfnisse werden hintenangestellt.
  • Man will das Gegenüber gänzlich für sich bzw. „besitzen“.
  • Die Grenzen des anderen werden nicht akzeptiert.
  • ​Man fühlt sich dem Partner oder der Partnerin unterlegen bzw. idealisiert ihn oder sie.
  • Demütigungen, schlechte Behandlung, psychischer Terror oder körperliche Gewalt werden geduldet.

All diese Anzeichen weisen auf ein Ungleichgewicht in der Beziehung hin. Wahre Liebe verspricht allerdings eine Bindung auf Augenhöhe, in der beide Partner sich so lieben, wie sie sind. Nur wenn man sich auf Augenhöhe begegnet, steht einer gemeinsamen, vertrauten und erfüllten Zukunft nichts mehr im Weg.

Eine Frau formt mit Händen ein Herz als Zeichen für Selbstliebe

Wie kann man es schaffen, unabhängig und frei zu lieben?

Wie bereits erwähnt, ist es wichtig, sich und seine Beziehung ehrlich zu reflektieren. Nur dann kann man gemeinsam mit dem Partner oder der Partnerin daran arbeiten. Die folgenden Tipps helfen dir, emotionale Abhängigkeit nicht entstehen zu lassen oder loszuwerden:

  • Nimm dir Zeit für dich! In jeder zwischenmenschlichen Beziehung gilt es, die richtige Balance aus Nähe und Distanz zu finden. Unternimm auch mal etwas ohne deinen Partner oder deine Partnerin! Lieben heißt nicht 24/7 aufeinander zu kleben. Abstand kann deiner Beziehung guttun. So gebt ihr euch die Möglichkeit, euch gegenseitig zu vermissen. Eine sehnsüchtige Umarmung voller Vorfreude ist gleich doppelt so schön.
  • Kümmere dich um deine Freunde, Hobbys und Leidenschaften! Dein Partner ist nicht die einzige Quelle deiner Freude. Genieße dein Leben auch unabhängig von deiner Beziehung!
  • Steh zu deinen Freiräumen! Mach deinem Gegenüber klar, dass du deine Freiheiten brauchst! Lasse im Gegenzug auch ihm oder ihr genügend Freiräume! Auch Liebe bekommt, eingezwängt im engen Korsett, nicht genügend Luft.
  • Resümiere immer wieder mal deine Beziehung! Gehe hin und wieder inne und stelle dir folgende Fragen: Fühle ich mich wohl in der Beziehung? Bin ich glücklich? Fühle ich mich gleichberechtigt? Bin ich mit meinem Partner auf Augenhöhe? Kann ich mir ein glückliches und erfülltes Leben auch ohne ihn oder sie vorstellen? Geht ihr, du und dein Partner, liebevoll miteinander um?
  • Kommuniziere deine Antworten ehrlich und gerade mit deinem Gegenüber! Teil ihm oder ihr deine Bedürfnisse mit! Fühlt sich einer von euch beiden z. B. eingeengt, ist es notwendig, darüber offen zu sprechen, um gemeinsame Kompromisse zu finden.
  • Arbeite an deinem Selbstwertgefühl! So kannst du dich wieder auf deine Eigenständigkeit und Unabhängigkeit besinnen. Als Übung kannst du hin und wieder aufschreiben, was dich liebenswert macht und was du gut kannst.
  • Liebe dich selbst! Du brauchst niemanden, um glücklich zu sein. Der altbekannte Spruch, um andere zu lieben, muss man sich selbst lieben, hat wahrlich seine Richtigkeit. Selbstliebe ist essentiell, um glücklich zu sein: sowohl generell im Leben als auch in einer Beziehung. Daher solltest du versuchen, deinen Freund oder deine Freundin als Bereicherung oder Geschenk anzusehen und nicht als Fundament deines Daseins bzw. deiner Lebensfreude!